Ethik in F&E

Medikamente für Kinder

„Bayer stellt sich den besonderen medizinischen, ethischen und technischen Herausforderungen, die mit der Entwicklung von Medikamenten für Kinder verbunden sind.“
  • Dr. Stefanie Breitenstein, Kinderärztin und klinische Expertin, Bayer

 

Klinische Studien mit medizinischen Produkten zur Verwendung in der Kinderheilkunde sind sicher eines der heikelsten Themen in der Wissenschaft – sowohl vom medizinischen als auch vom ethischen Standpunkt aus. Jeder, der an klinischen Studien mit Kindern beteiligt ist, trägt eine besondere Verantwortung. Aus medizinischer Sicht sind Kinder nicht einfach „kleine Erwachsene“, denn die Körperzusammensetzung und die Reife ihrer Organe unterscheiden sich bedeutend von der bei Erwachsenen. Außerdem treten einige Krankheiten ausschließlich bei Kindern auf oder verlaufen bei Kindern anders als bei Erwachsenen. Auch aus ethischer und rechtlicher Sicht unterscheiden sich Kinder von Erwachsenen. Sie sind geistig und emotional noch nicht in der Lage, eine informierte Einwilligung zur Studienteilnahme („informed consent“) zu erteilen, und benötigen deshalb besonderen Schutz. Daher wurden für Kinderheilkunde-Studien besonders strenge Regelwerke und ethische Standards entwickelt.

Studien mit Kindern für Kinder

Um Kindern zu helfen, bleibt Kinderärzten oft nichts anderes übrig, als ihren jungen Patienten Medikamente zu verschreiben, die nur für die Behandlung von Erwachsenen getestet oder zugelassen wurden. Dabei handelt es sich um , eine Verwendung in einer nicht zugelassenen Indikation, auch „off label“-Einsatz genannt. Die Wirksamkeit und Sicherheit einer medizinischen Behandlung bei Kindern lassen sich nicht einfach aus den praktischen Erfahrungen mit Erwachsenen ableiten. Organe wie die Leber, die Nieren und der Magen-Darm-Trakt sind bei Kindern noch nicht voll entwickelt und setzen die aktiven Wirkstoffe eines Medikamentes anders um. Der kindliche Körper unterscheidet sich auch hinsichtlich der Zusammensetzung aus Muskeln, Fett und Wasser vom Körper eines Erwachsenen. Auch Wachstumsschübe und sexuelle Reifung haben Erwachsene im Gegensatz zu Kindern und Jugendlichen bereits hinter sich.
Aus diesem Grund müssen die Sicherheit, Wirksamkeit und richtige Dosierung eines Medikaments für jede Altersgruppe untersucht werden. Allerdings muss nicht nur die Dosierung von Medikamenten, sondern auch ihre Darreichungsform an den jungen Organismus angepasst werden. Kleine Kinder können einfach keine normalen Tabletten schlucken. Daher müssen Medikamente für Kinder auch in einer kindgerechten Dosierungsform wie Mini-Tabletten, Flüssigkeiten zur oralen Einnahme oder Infusionen entwickelt werden.

Leitlinien für die Entwicklung und Zulassung von Medikamenten in der Kinderheilkunde

Lange Zeit wurden aufgrund ethischer Bedenken nur wenige Studien mit Kindern durchgeführt. Das führte zu einer verbreiteten „off label“-Nutzung von Medikamenten bei Kindern. Um dieses Problem anzugehen, sprach die EU 2002 im Rahmen der Initiative „Bessere Medizin für Kinder“ Kindern und Jugendlichen das Recht zu, am medizinischen Fortschritt teilzuhaben. Nach Ansicht dieser Initiative sollten Kinder nicht vor klinischen Studien geschützt, sondern im Gegenteil in klinische Studien einbezogen werden.

Zur Sicherstellung der Arzneimittelsicherheit für Kinder schreibt die EU vor, dass klinische Studien mit Kindern vorgenommen werden, wenn dies sinnvoll ist: Seit 2006 bringt eine Richtlinie (EU 1901/2006/EG) mehr regulatorische Klarheit. Für jedes Produkt, für das die Marktzulassung beantragt wird, müssen kinderheilkundliche Prüfpläne für klinische Studien mit Kindern aller Altersgruppen vorgelegt werden. Das setzt voraus, dass Kinder von der Krankheit überhaupt betroffen sind und von dem neuen medizinischen Produkt einen Nutzen hätten. Übergeordnetes Ziel ist es, die Wirksamkeit, Sicherheit und Verträglichkeit von Medikamenten sicherzustellen, die in der Kinderheilkunde verwendet werden.

In Europa ist der Pädiatrieausschuss (PDCO) der Europäischen Arzneimittelagentur (European Medicines Agency oder EMA) für die Bearbeitung der Prüfpläne in der Kinderheilkunde verantwortlich. Die Internationale Konferenz zur Harmonisierung (International Conference on Harmonization oder ICH) technischer Anforderungen für die Registrierung von Arzneimitteln für die Anwendung beim Menschen hat eine Leitlinie über die klinische Untersuchung medizinischer Produkte in der Kinderheilkunde herausgegeben (E11).

Der Arzneimittelhersteller muss dem PDCO einen detaillierten pädiatrischen Prüfplan (Pediatric Investigation Plan oder PIP) vorlegen. Ein PIP ist ein Entwicklungsplan, mit dem sichergestellt werden soll, dass durch angemessene vorklinische und klinische Studien alle notwendigen Daten an Kindern erhoben werden. Sollte die primäre Indikation die Behandlung einer Krankheit bei Erwachsenen sein, wird dies im PIP ebenfalls dargelegt. Der Arzneimittelhersteller und das PDCO beraten sich dann über den PIP und gelangen in der Regel zu einer Einigung.
In einigen Fällen können Studien verschoben werden, bis die Daten aus Studien mit Erwachsenen verfügbar sind. Damit ist sichergestellt, dass Forschung an Kindern nur dann vorgenommen wird, wenn für Erwachsene bereits ein positives Nutzen/Risiko-Verhältnis festgestellt wurde. Da bestimmte Krankheiten Kinder nicht betreffen, braucht man in solchen Fällen keinen PIP, so dass darauf verzichtet wird.

Besonderer Zustimmungsprozess für Kinder und deren Eltern

Kinder gelten als eine Bevölkerungsgruppe, die besonders von Ausbeutung gefährdet ist Ihnen wird in der klinischen Forschung besonderer Schutz gewährt.
Die Zustimmung zur Forschung in der Kinderheilkunde beinhaltet eine „zweiteilige Zustimmung“: die auf Information aufbauende Einwilligung beider Eltern und eine altersgerechte Information und darauf folgende Zustimmung der Kinder.
Nachdem die Eltern das Informationsprozedere durchlaufen haben, können sie die informierte Einwilligung zur Teilnahme ihres Kindes geben. Gleichzeitig wird das Kind altersgerecht über die Studie informiert und anschließend nach der Bereitschaft zur Teilnahme gefragt beziehungsweise um Zustimmung gebeten.

Herausforderungen

Eine der besonderen Herausforderungen von Studien in der Kinderheilkunde liegt im Wesen der kindlichen Krankheiten selbst. Glücklicherweise sind die meisten Kinder gesund, und schwere Krankheiten sind selten oder sehr selten – wie die Hämophilie A, die bei 1-9 von 100.000 Kindern auftritt. Dies bedeutet im Umkehrschluss allerdings auch, dass weniger Patienten für die Studien zur Verfügung stehen.

Studien in der Kinderheilkunde bei Bayer: Medikamente für Kinder

Bayer übernimmt Verantwortung für junge Patienten und engagiert sich bei der Erforschung und Entwicklung von Medikamenten für Kinder und Jugendliche. Um die bestmögliche Umsetzung unter Einhaltung aller geltenden Richtlinien sicherzustellen, hat Bayer eine besondere Pädiatrie-Beratergruppe eingerichtet. In dieser Gruppe arbeiten Kinderheilkunde-Spezialisten verschiedener Fachrichtungen zusammen. So wird sichergestellt, dass die umfangreichen Anforderungen für die Entwicklung von Medizin für Kinder eingehalten und interne Prozesse entsprechend angepasst werden.

Die ersten Prüfpläne von Bayer in der Kinderheilkunde wurden im Jahr 2009 genehmigt, die entsprechenden Studienprogramme begannen ein Jahr später.

Studien in der Kinderheilkunde bei Bayer: Medikamente für Kinder

Alle abgeschlossenen und laufenden klinischen Studien von Bayer mit Kindern (Geburt – 17 Jahre) sind öffentlich unter www.clinicaltrials.gov zugänglich.

Auszug von Bayer-Studien mit Kindern als Teilnehmern:

Moxifloxacin Rivaroxaban BAY81-8973
Erkrankung Infektionen im Bauchraum Venenthrombose Hämophilie A
Zweck der Studie Sicherheit der Behandlung mit Moxifloxacin bei Kindern Sicherheit der Behandlung mit Rivaroxaban bei Kindern und Untersuchung, wie lange R. im Körper verbleibt Sicherheit und Wirksamkeit der Behandlung mit BAY81-8973 zur Prophylaxe und bei Durchbruchblutungen bei Kindern mit schwerer Hämophilie A.
Alter der Zielgruppe 3 Monate bis 18 Jahre 6 bis 18 Jahre Bis 12 Jahre
Studienphase Phase III Phase II Phase III
Studienorte USA, Südamerika, Europa und andere USA, Australien, Europa und andere USA, Südamerika, Europa und andere
Geschätztes Datum der Fertigstellung April 2015 September 2015 December 2016
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