Familienplanung

Der Austausch ebnet den Weg für die ersten Schritte

Interview mit Klaus Brill

Klaus Brill eröffnet den 4. Internationalen Dialog für Bevölkerung und nachhaltige Entwicklung, 2006

„Science For A Better Life“ bedeutet für Bayer nicht nur die Herstellung innovativer Produkte. Der Anspruch gilt auch, wenn es darum geht, die Lebensbedingungen für Menschen zu verbessern und langfristig zu sichern. Die Konferenzreihe „Internationaler Dialog zu Bevölkerung und nachhaltiger Entwicklung“, die das Unternehmen 2002 mitbegründete, setzt auf einen lebendigen Austausch über die Grenzen von Ländern und Interessengruppen hinweg. Heute hat der „Dialog“ einen hohen Stellenwert für alle Teilnehmer und seinen festen Platz im internationalen Kalender. Im Interview erklärt Klaus Brill, welche Themen im Mittelpunkt stehen, welche Rolle der Dialog im Engagement für Nachhaltigkeit einnimmt und welche Perspektiven er eröffnet.

Der 8. Internationale Dialog für Bevölkerung und nachhaltige Entwicklung beschäftigte sich 2010 mit dem Thema „Sexuelle Selbstbestimmung als Menschenrecht“. Die Pausen gaben Gelegenheit für den persönlichen Austausch zwischen den Teilnehmern. Im Bild: Klaus Brill im Gespräch mit Erica Belanger von International Planned Parenthood Federation (IPPF) und Dr. Gill Greer, frühere Generaldirektorin IPPF.

Warum ist ein gesellschaftlicher Dialog über Bevölkerung und Nachhaltigkeit notwendig?

Ein zu schnelles Bevölkerungswachstum bedeutet immer auch ein hohes Armutsrisiko, denn Ressourcen und Infrastruktur eines Landes, um die Menschen zu ernähren, sie medizinisch zu versorgen und ihnen eine berufliche Perspektive zu bieten, werden überlastet. Aber um nicht nur notwendige Mittel wie Medikamente, Nahrung und Bildungseinrichtungen zur Verfügung zu stellen, sondern langfristig etwas zu ändern, müssen wir die Zusammenhänge verstehen. Fragen der Nachhaltigkeit reichen zum Teil tief in die Gesellschaft hinein, eine einzelne Regierung oder Organisation kann da nicht viel bewirken. Es braucht vielmehr starke – nationale und internationale – Allianzen von Regierungen, Nichtregierungs- und Entwicklungshilfeorganisationen und der Privatwirtschaft, die übergreifende Lösungen entwickeln.

Seit 2002 bringt der „Internationale Dialog zu Bevölkerung und nachhaltiger Entwicklung“ die Partner an einen Tisch. Welche Themen stehen dabei besonders im Fokus?

In erster Linie die Fragen: Welche Aspekte spielen für eine nachhaltige Entwicklung eine Rolle, wie hängen sie zusammen und wo müssen sich Rahmenbedingungen ändern, um Nachhaltigkeit zu schaffen? In den ersten Jahren nahm das Thema Familienplanung viel Raum ein, mittlerweile hat sich das Spektrum verbreitert: Bildung, Vielfalt der Kulturen, Gleichberechtigung von Männern und Frauen, das Recht auf Gesundheit, die demographische Entwicklung und Zukunftsthemen wie Ernährung, Energie und Umwelt spielen eine große Rolle. Für die Länder ist auch die Frage der „Governance“ wichtig, das heißt: Wie muss ein Projekt aufgesetzt sein, damit es wirklich zum Ziel führt? Ein solcher Grundsatzdialog ist im Bereich Nachhaltigkeit nicht so häufig: Oft geht es gleich um konkrete Projekte, die bilateral zwischen einer Landesregierung und einer NGO oder einem Unternehmen ausgehandelt werden.

In kleinen Arbeitsgruppen werden spezifische Fragestellungen im Detail diskutiert. Im Bild diskutieren Laura Sophie Thimm-Braun, Jugendaktivistin, Jotham Musinguzi, Regionaldirektor bei Partners in Population and Development (PPD) und John Ngugi von der Stiftung Weltbevölkerung über sexuelle Selbstbestimmung als Menschenrecht.

Was kann der Dialog konkret zur Nachhaltigkeit beitragen?

Ein breiter Ideen- und Meinungsaustausch kann vor allem die Wissensbasis erweitern. So lernen alle Beteiligten, Projekte so aufzusetzen, dass sie dauerhaft etwas bewirken. Außerdem schafft eine internationale Konferenz natürlich öffentliche Aufmerksamkeit – das ist ein wichtiger Schritt, um weitere potenzielle Partner ins Boot zu holen.

Sind sich die Partner über Lösungsstrategien meist einig oder gibt es Konfliktthemen?

Woran es hapert, liegt meist auf der Hand: Mehr Bildungsangebote, eine bessere Gesundheitsversorgung und Ressourcenschonung sind Ziele, über die sich alle einig sind. Kontrovers diskutiert wird allerdings über das „Wie“: Was nützt es, wenn auf dem Papier jeder Mensch ein Recht auf medizinische Versorgung oder sexuelle Selbstbestimmung hat, dieses Recht in seinem Land real aber nicht einfordern kann? Solche kritischen Perspektiven sind für den Austausch unentbehrlich.

Schließlich sollen am Ende nicht hehre Wünsche, sondern realistische Verbesserungsvorschläge stehen.

Richtig – dieser konkrete Bezug zur Lebenswirklichkeit in den Ländern ist allen Beteiligten ein großes Anliegen. Wir arbeiten sehr viel mit Beispielen aus den Ländern, um zu zeigen, was tatsächlich gebraucht wird, welche Fortschritte erreicht wurden, welche Hürden im Wege standen oder noch stehen. Wenn es um die Durchsetzbarkeit von Zielen geht, ist der internationale Austausch sehr hilfreich: Oft sind einige Länder schon weiter und können berichten, welche Maßnahmen zum Ziel geführt haben.

Was kann das Unternehmen Bayer in den Dialog einbringen?

Zum einen inhaltliche Aspekte: Neben unserer langjährigen Erfahrung in der Familienplanung haben wir etwa 2012 durch unsere Kompetenz bei Bayer Crop Science viel Wissen zum Thema Ernährung beitragen können. Außerdem unterstützen wir als globales Wirtschaftsunternehmen mit Kompetenz im organisatorischen Bereich, zum Beispiel bei Fragen wie: Wie konzipiere ich ein Projekt, wie plane ich die Umsetzung, wie messe ich den Erfolg und wie erreiche ich langfristige Ziele Schritt für Schritt? Unternehmen haben hier zum Teil eine andere Herangehensweise als Regierungen; ihre Sichtweise ist, glaube ich, darum ein wichtiger Dialogbeitrag.

Themen der Nachhaltigkeit – wie Familienplanung oder der Schutz von Nutzpflanzen – sind bei Bayer auch mit kommerziellen Interessen verknüpft. Wie wird das Unternehmen im Dialog wahrgenommen?

Es ist ja weltweit so, dass in aller Regel privatwirtschaftliche Unternehmen die Versorgung der Bevölkerung mit Medikamenten, Energie, Wasser, Nahrung wie auch vielen anderen Gütern und Leistungen sicherstellen. Um diese Unternehmen erfolgreich als Partner für Nachhaltigkeitsprojekte zu gewinnen, ist es für NGOs und Regierungen daher wichtig, zu verstehen, wie Firmen „denken“, welche Beiträge sie leisten können und was außerhalb ihrer Möglichkeiten liegt. Unsere Meinung ist darum im Dialog gefragt – wir sind ein echter Partner, nicht nur Sponsor der Veranstaltung. Sicherlich gibt es hier und da kleinere Ressentiments gegenüber der privaten Wirtschaft – aber der Dialog trägt sehr dazu bei, gegenseitiges Verständnis und Vertrauen zu schaffen. Der Wert der praxisbezogenen Diskussion mit allen Beteiligten steht für alle im Vordergrund.

2012 feierte die von Bayer mitbegründete Konferenzreihe zehnjähriges Jubiläum. Sie bietet eine Dialogplattform für Themen der Bevölkerungsentwicklung, Familienplanung und nachhaltigen Entwicklung und hat sich mittlerweile zu einem festen Termin im internationalen Kalender entwickelt.

Was ist aus Ihrer Sicht das größte Verdienst des Dialogs?

Allein, dass das Forum seit zehn Jahren gut besucht ist und von hochkarätigen Partnern wie der IPPF unterstützt wird, ist ein großer Erfolg! Die Ländervertreter sitzen gemeinsam am Tisch, tauschen Anregungen aus, entwickeln gemeinsam Strategien und leiten aus den gewonnenen Erkenntnissen Handlungsempfehlungen für die Politik ab, um sie zu veröffentlichen. Im Bereich Bevölkerungsentwicklung und Nachhaltigkeit etwas Einzigartiges – hier ist im Laufe der Jahre ein echter „Think Tank“ entstanden. Ich freue mich besonders, dass heute ein Drittel der Teilnehmer jünger als 35 Jahre alt ist: Die junge Generation bringt einen anderen Blick mit, sie denkt nicht zuerst an mögliche Probleme, sondern will etwas verändern – das ist ein großer Fortschritt.

Und was ist Ihre Hoffnung für den Dialog der Zukunft?

Ich wünsche mir, dass sich der Dialog weiteren Nachhaltigkeitsthemen öffnet und wir es schaffen, die vielen Einzelaspekte immer stärker zu verknüpfen: Wir müssen die Zusammenhänge verstehen, erst dann können wir den Hebel bei den Ursachen ansetzen und verhindern, dass die Wirkung von Maßnahmen nach kurzer Zeit verpufft. Ich hoffe, dass die junge Generation sich in Zukunft noch stärker beteiligt und dass die Teilnehmer aus dem Dialog immer wieder Impulse mitnehmen, die ihnen helfen, wirkliche Verbesserungen in ihrem Land anzustoßen. Die Motivation für den Einzelnen, die aus einem solchen internationalen Austausch erwachsen kann, ist nicht zu unterschätzen – das Selbstvertrauen, im eigenen Land etwas verändern zu können, ist die wichtigste Voraussetzung, um sich für Verbesserungen zu engagieren.