Familienplanung

Je früher wir junge Heranwachsende über sexuelle Gesundheit aufklären, desto besser!

Interview mit David Kafambe

Mit dem „Youth Truck“ besucht das Team von David Kafambe die teilnehmenden Schulen in Uganda

Das Young Adolescents Project (YAP) wurde 2009 als gemeinschaftliche Initiative von der Stiftung Weltbevölkerung und Bayer ins Leben gerufen. Ziel des Projekts ist es, junge Heranwachsende im Alter von 10 bis 14 Jahren über sexuelle und reproduktive Gesundheit zu informieren. Durch die Einbindung der Jugendlichen, aber auch der Eltern, der Lehrer und der führenden Mitglieder in der Gemeinschaft, will man nachhaltige Veränderungen erzielen. Der Projektkoordinator David Kafambe spricht über Ziele und Perspektiven und berichtet aus erster Hand über Erfahrungen, die er bei der Arbeit mit jungen Heranwachsenden in zehn Gemeinden in Uganda gemacht hat.

Die Jungen und Mädchen, an die sich das YAP richtet, sind 10 bis 14 Jahre alt. Ist das nicht sehr jung, um über Sex und sexuell übertragbare Krankheiten unterrichtet zu werden?

Der Ansatz des YAP ist: Je früher wir junge Heranwachsende über sexuelle Gesundheit aufklären, desto besser. Erstens aus kulturellen Gründen: In den meisten unserer traditionellen Kulturen in Uganda gelten Mädchen als reif für Hochzeit und Mutterschaft, sobald ihre Brustentwicklung beginnt, d. h. im Alter von zehn oder elf Jahren. Schon 13-jährige Mädchen und Jungen werden verheiratet, da ihnen bereits in diesem Alter zugetraut wird, Verantwortung zu übernehmen, Geld zu verdienen und eine Familie zu gründen. Wenn diese Kinder noch nicht über ihre Sexualität aufgeklärt sind, stellt das eine ziemliche Belastung für sie dar, insbesondere für die Mädchen. Also sprechen wir mit ihnen über körperliche Veränderungen während der Pubertät, aber auch über Themen wie die Gleichberechtigung der Geschlechter, über Verantwortung und die Entscheidungsfreiheit in sexuellen Dingen. Schließlich werden die Einstellungen, die Menschen in ihren Jugendjahren entwickeln, ihr späteres Leben stark beeinflussen. Zweitens gibt es einen praktischen Grund: Wenn man Kinder nicht aufklärt, bevor sie sexuell aktiv werden, wird „das erste Mal“ wahrscheinlich ungeschützt geschehen. Junge Menschen müssen wissen, wie sich ihr Körper in der Pubertät verändert und einige Grundlagen über Menstruation und Schwangerschaft, das Risiko von HIV/AIDS und wie sie sich schützen und über ihr Recht auf eine selbstbestimmte Sexualität lernen.

Trying to educate teenagers on sexuality can easily result in giggling fits. How do you set up your lessons so the kids can take these serious topics seriously?

Das stimmt – die meisten Themen sind wirklich heikel. Wenn sie einfach zu den Kindern gehen und drauflosreden, werden sie verlegen und fangen wahrscheinlich an zu lachen. Nach meiner Erfahrung kommt es darauf an, jungen Heranwachsenden zu helfen, so über Sexualität zu sprechen, dass es sie nicht verlegen macht. Ich fange oft mit einer unverfänglichen Geschichte an, beispielsweise erzähle ich ihnen von einem zwölfjährigen Mädchen, das ihre Periode bekam und von den anderen Kindern ausgelacht wurde. Dann frage ich die Kinder, was sie darüber denken und ob sie es gut finden, dass sich die anderen Teenager über das Mädchen lustig machen. Meist löst das eine Diskussion aus; die Kinder fangen an, ihre Ideen und – manchmal sehr leidenschaftliche – Gefühle einzubringen. Sobald man Vertrauen und eine konstruktive Arbeitsatmosphäre geschaffen hat, kann sich das Gespräch freier weiterentwickeln.

Junge Heranwachsende frühzeitig über reproduktive Gesundheit aufzuklären und zu informieren – das war das Ziel der gemeinsamen Initiative der Stiftung Weltbevölkerung und Bayer. Über 7.000 Jungen und Mädchen konnten mit dem Projekt erreicht werden.

Bevor Sie mit den Teenagern sprechen konnten, mussten Sie erst die Erwachsenen überzeugen.

Absolut! Wir mussten sie alle an Bord holen. In einer sehr traditionellen Gesellschaft kann das eine ziemliche Herausforderung sein. Viele Lehrer und Eltern sind selbst nicht gut über sexuelle und reproduktive Gesundheit informiert und es ist ein Tabu für sie, diese Themen bei den Kindern anzusprechen. Die Idee des YAP ist es, die ganze Gemeinde einzubeziehen und ein Umfeld zu schaffen, in dem alle Erwachsenen – die Schulverwaltung, wichtige Personen in der Gemeinde, Lehrer und Eltern – die Werte unterstützen, die wir vermitteln.

Wie haben Sie die Gemeinden angesprochen?

Die meisten Kinder von 10 bis 14 gehen zur Schule, so dass wir zuallererst Kontakt zu den Behörden aufnahmen und sehr klar erklärten, was wir erreichen wollten. und gleichzeitig um die Genehmigung baten, in der Schule mit den Kindern sprechen. Sie fanden die Idee gut, so dass wir das Projekt in zehn Schulen in den ugandischen Bezirken Masindi, Tororo und Wakiso beginnen konnten. Anschließend mussten wir die Gemeindeführer von unserem Projekt überzeugen. In Uganda sind diese sehr einflussreich; man kann dort keine Erziehungsmaßnahme organisieren, ohne sie auf seiner Seite zu haben. Aber wenn Sie diese überzeugen, können sie mit ihrer Unterstützung das Projekt in den Gemeinden starten. Also mussten wir gut vorausplanen und mit diesen Führungspersonen sprechen. Und dann ist es natürlich sehr, sehr wichtig für die Arbeit mit so jungen Heranwachsenden, dass Sie das Einverständnis und die Unterstützung ihrer Eltern haben.

Ließen sich die Eltern leicht überzeugen oder hatten sie Bedenken?

Anfangs gab es viele Bedenken. Viele waren sehr widerwillig, weil sie meinten, dass es sich nicht gehöre und den Kindern nicht gut tun würde, über sexuelle Gesundheit zu sprechen. Manche sagten sogar „Ich werde mein Kind von dieser Schule nehmen, weil Sie das Kind verderben werden, und das lasse ich nicht zu.” Den größten Teil des ersten Jahres verbrachten wir viel Zeit damit, mit den Eltern zu sprechen und zu erklären, warum es so wichtig ist, mit der Erziehung zur sexuellen Gesundheit bereits in einem so jungen Alter anzufangen. Wir gaben ihnen viele Hintergrundinformationen – beispielsweise, dass wir in Uganda bei Teenagern eine Schwangerschaftsquote von 24 Prozent haben, was wirklich sehr hoch ist, oder dass viele Mädchen deshalb die Schule abbrechen. Mit der Zeit änderten sie ihre Meinung. Es war ein Prozess.

Schließlich haben Sie also alle an Bord geholt.

Ja, ich freue mich sehr, dass es letzten Endes alles gut funktioniert hat. Unser Gedanke war, ein nachhaltiges Unterstützungsnetzwerk aufzubauen, damit die Kinder nicht nur in der Theorie von ihrem Recht auf selbstbestimmte Entscheidungen erfahren, sondern auch befähigt werden, wirklich nach diesen Werten zu leben. Wenn sie also von der Schule nach Hause kommen und ihren Eltern vom Unterricht erzählen, ist es wichtig, dass die Eltern dieselben Werte unterstützen. Das Projekt läuft inzwischen seit vier Jahren und es zeigt sich jetzt, dass die Gemeinden das YAP wirklich übernehmen – sie tragen das Projekt selbständig, die Eltern, die Schulen und die Kinder.

Hatten Sie erwartet, dass das YAP so gut funktioniert?

Wir hofften auf die Unterstützung der Gemeinden und der Eltern, aber das, was wir jetzt sehen, übertrifft unsere anfänglichen Erwartungen bei Weitem. Wir bekommen inzwischen Anfragen wie: „Hört mal, wir haben ein Gemeindetreffen und es gibt noch eine Menge Fragen – könnt ihr dazukommen und darüber sprechen?“ Und das machen wir dann. Das Projekt hat uns gezeigt, dass eine große Nachfrage nach Informationen über sexuelle Gesundheit besteht, und die Leute sich wirklich an einem Dialog beteiligen wollen. Ich glaube, auch andere Gemeinden in Uganda haben diesen Bedarf und wir sollten die Initiative ausweiten. Wir haben nach unserer Erfahrung einen Baukasten mit Musterbeispielen zusammengestellt, um anderen zu helfen, ähnliche Initiativen zu beginnen – viele Exemplare sind bereits an Partnerorganisationen verteilt worden.

Ist ein Programm wie YAP in gewisser Weise eine Revolution für die Kultur in Uganda?

Ja, ich glaube langfristig werden sich viele Dinge in meinem Land grundlegend ändern. Deshalb bin ich wirklich stolz auf die Arbeit, die wir machen. Ich möchte mich auch bei Bayer für die Möglichkeit bedanken – ohne diese Unterstützung könnten wir das Projekt, das unserem Land wirklich hilft, nicht betreiben.

Je früher junge Heranwachsende über sexuelle Gesundheit aufgeklärt werden, desto besser. Aufklärung erfolgt hierbei nicht nur durch Frontalunterricht, sondern vor allem interaktiv. Das Bild zeigt junge Heranwachsende bei einem Spiel im Rahmen des Aufklärungsprogramms.

Vier Ziele

YAP verfolgt das Ziel, das Wissen junger Heranwachsender im Alter von 10 bis 14 Jahren über sexuelle und reproduktive Gesundheit zu erweitern. Im Sinne eines ganzheitlichen und nachhaltigen Ansatzes werden Eltern, Lehrer und Gemeindeführer eng eingebunden. Ein drittes Ziel ist es, sicherzustellen, dass junge Heranwachsende Zugang zu fundierten Informationen und Angeboten der sexuellen und reproduktiven Gesundheit haben. Zur Unterstützung anderer bei der Umsetzung ähnlicher Projekte wurde ein Baukasten mit Musterbeispielen zusammengestellt und verteilt, der auf den Erfahrungen mit dem YAP aufbaut.

Projektteam

Der Projektkoordinator David Kafambe leitet ein sechsköpfiges Team. Mit dem ‚Jugendtruck’ besuchen sie die 10 teilnehmenden Schulen in den ugandischen Bezirken Masindi, Tororo und Wasiko. Ihre Aktivitäten reichen von Verhandlungen mit Bezirksbehörden über die Veranstaltung von Workshops mit Eltern und Lehrern, die Aufklärung junger Heranwachsender über Themen der sexuellen Gesundheit bis hin zu Informationen darüber, wie die jungen Teenager einen Jugendclub gründen und dort selbst Gleichaltrige aufklären können.

Ergebnisse

Große Reichweite: Das Projekt hat 7.100 Schüler, 1.900 Eltern und 340 Lehrer erreicht.
Jugendclubs wurden in 10 Grundschulen eingerichtet; Teenager wurden darin unterrichtet, die Clubs zu betreiben und ihre Altersgenossen zu Themen der sexuellen Gesundheit aufzuklären.
Gesteigertes Wissen: Im Jahr 2011 hatten 90 Prozent der jungen Heranwachsenden, die vom Programm erreicht wurden, umfassende Kenntnisse über HIV/AIDS (2008: 25 Prozent).
Gesellschaftliche Verbesserungen: Schulen melden einen signifikanten Rückgang der Schulabbrüche von Mädchen.
Verbesserte Rolle der Lehrer: Lehrer werden von der Mehrheit der Schüler als Informationsquelle für HIV/AIDS anerkannt und bestätigen, dass sich ihre eigenen Kenntnisse und Lehrfähigkeiten deutlich verbessert haben.
Verbesserte Kommunikation innerhalb der Familien: Mehr Eltern sprechen mit ihren Kindern über Themen der sexuellen und reproduktiven Gesundheit.
Jugendgerechte Gesundheitsdienste: 17 Gesundheitsmitarbeiter wurden darin ausgebildet, jungen Teenagern altersgerechte Dienstleistungen anzubieten.
Offizielle Akzeptanz: Im Jahr 2011 legten Bezirksbehörden sexuelle Gesundheitserziehung als Priorität für Bildungseinrichtungen und als Teil der Bezirksentwicklungspläne für das Jahr 2012 fest.
Baukasten: 850 Exemplare des Projekt-Baukastens mit Musterbeispielen und Empfehlungen wurden an Partnerorganisationen verteilt.