Familienplanung

„Unsere Initiative trifft einen Nerv“

Interview mit Ulrike von Gilardi und Ariane Püttcher

Ulrike von Gilardi und Ariane Püttcher leiten bei Social HealthCare Programs die Contraceptive Security Initiative und betreuten den Launch in Kenia vor Ort.

2010 startete Bayer gemeinsam mit der USAID die „Contraceptive Security Initiative“ (CSI): Im Zuge des Programms wird in afrikanischen Ländern südlich der Sahara die Verhütungspille Microgynon Fe eingeführt und zu einem günstigen Preis in den Apotheken angeboten – als nachhaltiges Angebot für Frauen der afrikanischen Mittelschicht.
Nach der erfolgreichen Einführung in Äthiopien, Uganda, Tansania, Ruanda und Ghana startete die Initiative im Sommer 2013 mit großem Erfolg auch in Kenia. Ulrike von Gilardi und Ariane Püttcher, die bei Social HealthCare Programs das Projekt leiten, waren beim Launch-Event in Nairobi dabei.

Frau von Gilardi, Sie haben erzählt, dass die Einführung der „Contraceptive Security Initiative“ in Kenia ein besonderes Highlight war – warum?

UvG: Ganz klar: Die große Begeisterung aller Beteiligten vor Ort war einmalig. Wir hatten 160 Apotheker, Ärzte und medizinisches Hilfspersonal eingeladen, gekommen sind über 300. Der Verkehr in Nairobi steht am Freitagabend meist für zwei Stunden still, daher hatten wir den Veranstaltungsort extra im Stadtzentrum gewählt, damit alle zu Fuß kommen konnten. Die Apotheker, Ärzte, Hebammen und Pressevertreter standen selbst nach Veranstaltungsbeginn noch Schlange und wollten unbedingt in den Saal. Die Mehrzahl der Teilnehmer bedankte sich später für die Vorträge und nach dem offiziellen Teil blieben viele noch zum fachlichen Austausch untereinander. Die Diskussionen waren interessant und lebhaft. Bei der zweiten Veranstaltung in Mombasa war es nicht anders: Das Event war mit 80 Einladungen zwar kleiner – aber auch hier kamen 140 Gäste mit demselben Enthusiasmus wie in Nairobi.

Zum Launch-Event in Nairobi kamen doppelt so viele Teilnehmer wie eingeladen waren; viele nahmen auch mit den Stehplätzen in der letzten Reihe vorlieb.

Frau Püttcher, wie erklären Sie sich das große Interesse?

AP: Ich glaube, dass die Initiative den großen Bedarf an modernen Verhütungsmitteln würdigt – oder anders gesagt: einen Nerv trifft. Die Apotheker und Ärzte in Kenia – aber auch in den anderen Ländern – sehen die CSI als ein sinnvolles Angebot, das einen klaren Bedarf der Frauen adressiert. Die kenianischen Kollegen sagten uns: Die Frauen werden begeistert sein, wenn sie hören, dass sie jetzt eine Bayer-Pille zu einem attraktiven Preis bekommen können – Bayer ist in Afrika eine bekannte Marke, die für hohe Qualität steht. Auf der Launch-Veranstaltung haben die Apotheker diese Einschätzung bestätigt: Als wir den Preis der neuen Pille verkündet haben, gab es spontanen Applaus!

Der Preis für eine Monatspackung Microgynon Fe entspricht in etwa dem Preis für einen Cappuccino. Warum verteilt Bayer die Pille nicht kostenlos?

UvG: Familienplanungsprogramme, die Medikamente kostenlos abgeben, sind natürlich unersetzlich für die Versorgung bedürftiger Menschen. Die CSI wendet sich aber an eine andere Zielgruppe. In einer Stadt wie Nairobi – dasselbe gilt für Kampala oder Accra – gibt es viele berufstätige Frauen, die gar nicht auf die Idee kämen, sich an einer Ausgabestelle in die Schlange zu stellen, wo Verhütungsmittel umsonst verteilt werden. Auch in Industrieländern werden karitative Angebote ja nicht von Menschen mit mittleren Einkommen genutzt, nur weil sie kostenlos sind.

AP: Es ist wichtig, dass wir uns den Alltag in Afrika nicht in Klischees vorstellen: Natürlich leben in Afrika viele Menschen in Armut und der Lebensstandard ist niedriger als in den westlichen Industrienationen. Aber es gibt auch PR-Agenturen, Autohäuser, Ärzte, Cafés, Apotheken – und Menschen, die hier arbeiten und die Angebote nutzen. Sie kaufen ihre Verhütungsmittel in der Apotheke – können oder wollen sich aber vergleichsweise teure Premium-Produkte nicht leisten. Diesen Frauen bietet unser Programm die Pille zu einem erschwinglichen Preis an.

Das Programm heißt „Contraceptive Security Initiative“ – welche Sicherheit („Security”) stellen Sie her?

UvG: Die Sicherheit, dass unsere Pille in den Apotheken jederzeit erhältlich ist. Es gibt im niedrigen Preissegment auch andere Produkte, aber wir verfolgen als Einzige einen nachhaltigen Ansatz. Die gesamte Kette von der Produktion über den Vertrieb bis zur Endkundin ist über den Verkaufspreis gesichert, also unabhängig von staatlichen Subventionen oder Spenden. Das ist sehr wichtig: staatlich subventionierte Programme sind oft aufwändiger in der Verwaltung und können unerwartet gekürzt oder gestrichen werden – die Folge sind Versorgungsengpässe. Dass eine Frau in der Apotheke steht und die nächste Monatspackung ihrer Pille nicht lieferbar ist, ist kein tragbarer Zustand.

Apotheker Dr. Titus Muhu Kahiga (im Bild) appellierte an seine Kollegen, ihre Beraterrolle ernst zu nehmen und Frauen die Einnahme der Pille anhand der Packung Schritt für Schritt zu erklären.

Und mit der CSI können Sie solche Versorgungsengpässe zuverlässig vermeiden?

AP: Ja – indem wir Microgynon Fe als regulär eingeführtes Produkt aufstellen. Bestellungen laufen nicht über eine Hilfsorganisation, sondern direkt über Großhandel und Apotheker. So können wir als Hersteller selbst anhand der monatlichen Verkaufszahlen den Bedarf abschätzen, unsere Partner vor Ort erinnern, ihre Bestände aufzufüllen und bei steigender Nachfrage die Produktion anpassen. Durch ihre Umsatzbeteiligung haben auch die lokalen Großhändler und Apotheker ein Interesse, das Medikament vorrätig zu haben.

Im Gegensatz zu anderen afrikanischen Ländern hat Kenia eine eigene Bayer-Niederlassung. Hat das die Umsetzung vereinfacht?

UvG: In gewisser Weise ja: Zum Beispiel konnte der kenianische Regulatory-Affairs-Kollege die notwendigen Genehmigungen direkt mit den lokalen Behörden in Kenia besprechen. Das war in anderen Ländern komplizierter, wo über Landesgrenzen hinweg kommuniziert werden musste.

AP: Da das Bayer-Büro in Nairobi liegt, konnten uns die Kollegen auch beim Launch-Event unterstützen – und auch für uns war es viel angenehmer, vom Bayer-Büro statt von einem Hotel aus zu arbeiten.

Die Poster zur CSI-Kampagne zeigen junge Paare, denn Verhütung ist nicht nur Frauensache. Da in Afrika Wert auf die lokalen Unterschiede in den Gesichtszügen und der Statur von Menschen gelegt wird, werden für jedes Land eigene Poster mit einheimischen Models produziert. Rechts: das Poster aus Kenia.

Wie geht es jetzt weiter – wie erfahren Frauen in Kenia, dass sie Microgynon Fe in der Apotheke kaufen können?

AP: Das Wichtigste ist, dass die Frauen darüber informiert werden, dass Microgynon Fe zu einem erschwinglichen Preis in ihrem Land erhältlich ist. Dazu haben wir in den Ländern verschiedene Informationskampagnen initiiert, mit der Frauen über die Bayer-Pille als Verhütungsmittel informiert werden. So ist beispielsweise Arzneimittelwerbung an Endkonsumenten in Ghana erlaubt. Dort haben wir Plakatwände installiert und Radiospots geschaltet und das Thema Pille in lokalen Frauen-Netzwerken adressiert, in denen viel Informationsaustausch stattfindet. Die intensive Informationspolitik hat sich auch positiv in den Zahlen bemerkbar gemacht: Die Nachfrage nach Microgynon Fe in Ghana hat unsere Erwartungen übertroffen.

UvG: Aber auch in Ländern, in denen eine „Direct-to-Consumer“-Ansprache nicht erlaubt ist, wie zum Beispiel in Tansania, gibt es Möglichkeiten. Die Hilfsorganisationen dürfen über Verhütung aufklären und im Zuge dessen Initiativen wie die CSI erwähnen: Hier setzen wir auf unseren Partner USAID. Außerdem loten wir die gesetzlichen Möglichkeiten aus, reichen bei den Behörden immer wieder Vorschläge ein und haken nach, welche Maßnahmen erlaubt sind. Das ist für uns ein wichtiger Lernprozess, von dem die Initiative nachhaltig profitieren wird. Für Kenia war das Launch-Event mit Fachpublikum auf jeden Fall ein ganz wichtiger erster Schritt: Apotheker, Ärzte, Hebammen und die Presse sind wichtige Multiplikatoren und wir hoffen, dass sie ihre Begeisterung an die Frauen weitertragen.

Die CSI wurde bereits in sechs Ländern eingeführt. Im September soll Malawi folgen. Für 2014 ist die Einführung der Initiative in vier weiteren afrikanischen Ländern geplant.