Familienplanung

Welche Rolle spielt Familienplanung für eine nachhaltige Entwicklung?

Interview mit Renate Bähr, Geschäftsführerin der Stiftung Weltbevölkerung

In Bezug auf sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte – zum Beispiel über Methoden der Familienplanung – gut informiert zu sein und Zugang zu entsprechenden Dienstleistungen und Angeboten zu haben, ist ein Grundrecht. Doch dieses Recht ist längst nicht für alle Menschen weltweit Realität. Die Nichtregierungsorganisation Stiftung Weltbevölkerung gehört zu den Partnern, die sich mit Aufklärungsprogrammen und politischer Überzeugungsarbeit für eine verbesserte Versorgung engagieren. Im Interview erklärt Stiftungsgeschäftsführerin Renate Bähr, warum die freie Entscheidung von Frauen und Paaren, ob, wann und wie viele Kinder sie haben möchten, nicht nur ein abstrakter Wunsch, sondern eine dringende Notwendigkeit ist.

Die Vereinten Nationen haben in ihren Millenniums-Entwicklungszielen die selbstbestimmte Familienplanung als wichtigen Faktor für Entwicklung benannt. Wie hängen Familienplanung und Nachhaltigkeit zus

Die Grundrechte aller Menschen zu sichern ist die Basis jeder nachhaltigen Entwicklung – und dazu gehört das Recht auf uneingeschränkten Zugang zu Beratung und medizinischer Versorgung in Bezug auf die sexuelle und reproduktive Gesundheit. In den Millenniumszielen wird eine selbstbestimmte Familienplanung als wichtiger Faktor für die Verbesserung der Gesundheit von Müttern festgehalten. Das würde sich auch positiv auf die Entwicklungschancen ganzer Länder auswirken: Eltern mit sehr vielen Kindern haben es schwerer, alle Kinder zu versorgen und sie zur Schule zu schicken. Ohne Schulbildung fehlen der jungen Generation allerdings wichtige Voraussetzungen, um später ihre eigene Familie ernähren zu können. Und wenn Frauen über den Zeitpunkt einer Schwangerschaft entscheiden können, haben sie eine bessere Chance, sich auch selbst beruflich zu qualifizieren, ein eigenes Einkommen zu erwirtschaften und eine gleichberechtigte Rolle in der Gesellschaft zu spielen

In welchem Verhältnis stehen dabei gesamtgesellschaftliche Ziele und die privaten Wünsche der Menschen?

Selbstbestimmte Entscheidungen der Menschen und eine positive Entwicklung der Länder gehen Hand in Hand. Wenn Paare den Zeitpunkt der Familiengründung und die Zahl ihrer Kinder selbst bestimmen können, tun sie dies im Einklang mit ihren Ressourcen, damit ihre Kinder gesund aufwachsen und eine gute Zukunftsperspektive haben. Eine starke, gut ausgebildete junge Generation sichert wiederum auch dem Land eine produktive Zukunft. Im Gegensatz zu den Industrienationen werden die Entwicklungsländer in den kommenden Jahrzehnten nicht unter Kinderarmut und einer alternden Gesellschaft leiden. Diese ‚demografische Dividende‘ können die Länder einlösen, wenn sie jetzt die richtigen Entscheidungen treffen und in die Gesundheit, Bildung, Aufklärung und Berufsperspektiven der jungen Menschen investieren.

In Äthiopien ist jede zweite Frau bereits mit 20 Jahren Mutter – häufig ungewollt. Die Stiftung Weltbevölkerung ermöglicht Mädchen und Frauen, selbst darüber zu entscheiden, wann und wie viele Kinder sie bekommen möchten.
In Äthiopien ist jede zweite Frau bereits mit 20 Jahren Mutter – häufig ungewollt. Die Stiftung Weltbevölkerung ermöglicht Mädchen und Frauen, selbst darüber zu entscheiden, wann und wie viele Kinder sie bekommen möchten.

Entwicklungspolitisch ist mit dem Zugang zu Verhütungsmitteln das Ziel verbunden, das rasante Bevölkerungswachstum zu bremsen. Wollen Frauen in Ländern mit hohem Bevölkerungswachstum wirklich weniger Kinder bekommen oder ist dies der Wunsch der Industriestaaten, die entsprechende Programme fördern?

Das Vorurteil, dass die Industriestaaten ihr eigenes Familienmodell exportieren wollen, existiert, seit es Aufklärungs- und Familienplanungsprogramme gibt. In gewissen Kreisen hält es sich leider bis heute. Umso wichtiger ist eine klare Differenzierung. In der Tat ist der Wunsch nach einer großen Familie in Entwicklungsländern statistisch gesehen größer als in Industrienationen, und niemand will den Menschen diesen Wunsch ausreden. Im Gegenteil: Es geht ja gerade darum, dass jede Frau und jedes Paar selbstbestimmt darüber entscheidet, wie viele Kinder sie beziehungsweise es möchte. Umgekehrt gilt aber auch: Jedes Kind sollte gewollt sein, und hier sieht die Realität anders aus. Eine Studie von 2012 hat gezeigt, dass in Entwicklungsländern mehr als 220 Millionen Frauen verhüten wollen, aber keine Möglichkeit dazu haben. Das ist jede vierte Frau!

Kinder sind in einigen Ländern allerdings die einzige Altersvorsorge.

Das ist richtig. In einer hohen Geburtenrate spiegelt sich aber auch der verzweifelte Versuch wider, eine hohe Kindersterblichkeit zu kompensieren – dies ist dann nicht der Wunsch nach vielen Kindern, sondern die Hoffnung, dass wenigstens einige Kinder das Erwachsenenalter erreichen. Ein Teufelskreis, denn zu schnell aufeinander folgende Schwangerschaften erhöhen das Risiko von Fehlgeburten und Säuglingssterblichkeit. Die Weltgesundheitsorganisation und die US-Entwicklungsbehörde USAID empfehlen einen Abstand von zwei oder drei Jahren. Oft ist die Mutterschaft für Mädchen und Frauen aber auch die einzige gesellschaftliche Perspektive. Solche Faktoren haben mit Selbstbestimmung nicht viel zu tun, die hohe Geburtenrate ist dann auch bedingt durch den Mangel an Alternativen.

Welche konkreten Auswirkungen hat eine ungewollte Schwangerschaft auf das Leben der betroffenen Frauen?

Aufklärung über Sexualität und Verhütung – wie hier in Südafrika – ist besonders wirkungsvoll, wenn ausgebildete Jugendberater ihren Altersgenossen die fundamentalen Informationen vermitteln.
Aufklärung über Sexualität und Verhütung – wie hier in Südafrika – ist besonders wirkungsvoll, wenn ausgebildete Jugendberater ihren Altersgenossen die fundamentalen Informationen vermitteln.

Ungewollte Schwangerschaften sind eine der Ursachen für die hohe Müttersterblichkeit in Entwicklungsländern. In Millionen Fällen wissen sich Mädchen und Frauen nur durch eine Abtreibung zu helfen, die häufig unter höchst prekären Bedingungen durchgeführt wird. Viele leiden zudem unter gesundheitlichen Problemen infolge von Komplikationen während der Schwangerschaft oder Geburt. Und schließlich kann eine ungewollte Schwangerschaft bedeuten, dass die Frau als Arbeitskraft ausfällt und die Familie wirtschaftlich geschwächt wird. Fehlen dann die Ressourcen, um die Gesundheit und Bildung aller Kinder zu sichern, setzt sich das Armutsrisiko in die nächste Generation fort.

Sie setzen sich dafür ein, junge Menschen aufzuklären und ihnen den Zugang zu Familienplanungsmethoden zu ermöglichen. Auf welche Hürden stoßen Sie dabei?

Sowohl beim Wissen über Sexualität als auch beim praktischen Zugang zu Verhütungsmitteln ist der Nachholbedarf massiv.  Über Sexualität zu sprechen ist in vielen Gegenden ein gesellschaftliches Tabu. Einige Eltern und konservative Meinungsführer sorgen sich, dass Sexualaufklärung und die Bereitstellung von Verhütungsmitteln Teenager erst dazu animieren können, sexuell aktiv zu werden. Gleichzeitig ist ihr eigenes Wissen über Sexualität gering. Auf staatlicher Seite hapert es leider oft am politischen Willen: In sehr konservativen Staaten wird das Thema Sexualität verschwiegen, man möchte Verhütungsmittel nicht zugänglich machen, schon gar nicht für Jugendliche und nicht verheiratete junge Leute. Nicht zuletzt spielen auch die Kosten eine Rolle: 8,1 Milliarden US-Dollar im Jahr wären notwendig, damit alle Mädchen und Frauen weltweit die Wahl hätten, Verhütungsmittel zu nutzen, aber nicht einmal die Hälfte dieser Mittel steht derzeit zur Verfügung.

In Uganda ist fast jeder Zweite unter 15 Jahre alt. Die Stiftung Weltbevölkerung stärkt mit ihrer Youth-to-Youth-Initiative junge Menschen und ebnet ihnen einen Weg aus der Armut.
In Uganda ist fast jeder Zweite unter 15 Jahre alt. Die Stiftung Weltbevölkerung stärkt mit ihrer Youth-to-Youth-Initiative junge Menschen und ebnet ihnen einen Weg aus der Armut.

2015 ist das Zieldatum der UN-Millenniumsziele. In Sachen selbstbestimmter Familienplanung liegt die Ziellinie aber noch in weiter Ferne.

Um mit einer positiven Botschaft zu beginnen: Der letzte Zwischenbericht der Vereinten Nationen zeigt, dass es bei den Millenniumszielen insgesamt vorangeht. Einige Ziele, etwa in Bezug auf Armutsreduzierung, Trinkwasserversorgung und Bildung, wurden sogar vorzeitig erreicht. Aber es ist richtig: Insbesondere bei der Verbesserung der Müttergesundheit und dem Zugang zu reproduktiver Gesundheit besteht weiterhin ein sehr hoher Handlungsdruck. Fest steht, dass die Staatengemeinschaft zu wenige Mittel bereitstellt. Zwar tragen fünf Geberländer die zugesagten 0,7 Prozent ihres Bruttonationaleinkommens für Entwicklungszusammenarbeit bei, die meisten bleiben aber weit dahinter zurück. Auch mittelfristig sieht es nicht so aus, als würde man hier über die Absichtserklärung hinausgehen. Geld ist nicht alles, aber es ist nun einmal die Voraussetzung, um Projekte zu starten, Infrastrukturen aufzubauen, Jugendliche und Erwachsene aufzuklären und ihnen die Möglichkeit zu geben, aus einer Palette sicherer Verhütungsmethoden auszuwählen, wie es zu einer freien Wahl dazugehört. Notwendig wäre auch, dass sich die Regierungen in Entwicklungsländern stärker engagieren.

War das Vorhaben der Millenniumsziele zu optimistisch?

Ich würde sagen: nein. Denn es geht um das Leben und die Rechte von Männern, Frauen, Kindern und Jugendlichen – vor allem in den ärmsten Ländern der Welt. Hier mit Nachdruck Verbesserungen zu fordern, ist eine Frage der Menschenwürde.

Wie geht es nach 2015 weiter – welche Maßnahmen sollten aus Ihrer Sicht unbedingt umgesetzt werden?

Klar ist, dass unsere Arbeit – und das schließt die Staatengemeinschaft, die Zivilgesellschaft und Wirtschaftsunternehmen ein – auch über 2015 hinaus mit voller Kraft weitergehen muss. Ein neuer Zielekatalog wird gerade bei den Vereinten Nationen verhandelt. Wichtig ist aus unserer Sicht, dass wir Fortschritte messbar machen und eine differenzierte Datenerhebung etablieren. Bisher tauchen bestimmte Gruppen, wie homosexuelle Menschen, Menschen mit Behinderungen oder auch Jugendliche, in den Statistiken gar nicht gesondert auf. Sie sind aber bei Themen wie HIV oder Teenagerschwangerschaften besonders gefährdet und müssten gezielt angesprochen werden. Wichtig wird auch ein konsequentes Einfordern der Ziele sein, das heißt: politische Lobbyarbeit, die darauf drängt, dass Regierungen ihre Zusagen einhalten und sich klar darüber werden, wie wichtig es für die Zukunft und die nachhaltige Entwicklung ihrer Länder ist, Nachhaltigkeit zu fördern und die Grundrechte der Bevölkerung zu sichern. Dies gilt sowohl für die Entwicklungs- als auch für die Industrieländer, denn die künftige Agenda für die Zeit ab 2015 wird für alle Staaten gelten.

Wünschen Sie sich, dass der universelle Zugang zu sexueller und reproduktiver Gesundheit im neuen Zielekatalog an die erste Stelle rückt?

Wir wünschen uns, dass dieses Thema nicht mehr ausschließlich an die Verbesserung der Müttergesundheit gekoppelt wird. Sexuelle und reproduktive Selbstbestimmung ist ein Grundrecht. Sexualaufklärung ist integraler Bestandteil einer umfassenden Bildung und die Verfügbarkeit von Verhütungsmitteln gehört zu jeder guten Gesundheitsversorgung. Eine geringere Kindersterblichkeit, weniger Abtreibungen, eine gestärkte Rolle von Frauen in der Gesellschaft: All diese Themen gehören zusammen. Unser Wunsch ist, dass Aufklärung und selbstbestimmte Familienplanung von allen Beteiligten als Schlüsselthema begriffen wird.