Äthiopien: Familienplanung als Entscheidung

„Empfängnisverhütung ist eine Frage von Einkommen und Bildung!“, bringt Solomon Betre seine Erfahrungen auf den Punkt. Der Mittfünfziger mit dem gewinnenden Lächeln ist seit 20 Jahren Apotheker. Eine seiner Filialen liegt in einem armen Stadtteil von Addis Abeba, die zweite in einem wohlhabenden Viertel der äthiopischen Hauptstadt. So bedient er Kunden aus allen Schichten der Dreieinhalb-Millionen-Metropole, vom Analphabeten bis zum Intellektuellen. Er kennt ihren Wissensstand, ihre Bedürfnisse, ihre Entscheidungsprozesse und ihr Kaufverhalten.
„Die reichen Kunden, diejenigen, die gebildet sind, sich informieren, das Internet nutzen, kommen in meine Apotheke und wissen bereits, dass es Verhütungsmittel gibt. Sie benötigen keine allgemeine Beratung über Familienplanung, sondern wollen wissen, welche Option die für sie beste ist.“
Das klingt nach europäischen Verhältnissen, muss im bitterarmen Äthiopien jedoch als große Ausnahme betrachtet werden. Reich und gebildet ist hier so gut wie niemand. Mehr als ein Drittel der Bevölkerung lebt von weniger als einem Dollar pro Tag. Die Hälfte ist unterernährt. Zwei Drittel können weder lesen, noch schreiben. Selbst im Zentrum von Addis Abeba drängen sich Wellblechhütten an Lehmpfaden. Zerlumpte Bettler und Straßenkinder gehören genau so zum Bild der wenigen Prachtboulevards mit Geschäftshäusern und Repräsentativbauten, wie abgemagerte Esel, Kühe und Ziegen. Erst 2011 wurde das Land erneut Opfer einer großen Dürrekatastrophe. Im Dezember lag die Inflationsrate bei 33 Prozent. Jedes Jahr werden mehr als 2 Millionen neue Kinder in dieses Elend geboren.

Solomon Betre, 56, Apotheker

„Viele Eltern haben keine Möglichkeit, ihre Kinder zu ernähren und zur Schule zu schicken,“ schildert Solomon die Auswirkungen. Er klopft bekräftigend mit dem Zeigefinger auf seinen Schreibtisch, den sympathisch unordentlichen Kontrapunkt zur blitzblanken Makellosigkeit seiner Apotheke. „Wir müssen ihnen oft erst erklären, was Geburtenkontrolle ist – und dass man offen darüber sprechen kann“, ereifert er sich. Er stammt selbst aus einer armen, ungebildeten Familie. Er weiß, dass sich in diesem Umfeld kaum jemand mit dem Thema auskennt. „Die
Leute haben Angst, mit uns über ihre Fragen und Probleme zu sprechen, denn das Thema ist ein Tabu – aus kulturellen und religiösen Gründen.“

Neueste Zahlen wecken allerdings die Hoffnung, die Lage könne sich etwas entspannen. Seit 15 Jahren unternimmt die Regierung größte Anstrengungen, das völlig unzureichende, chronisch unterfinanzierte Gesundheitssystem zu reformieren. Unterstützt wird sie dabei durch internationale Regierungs- und
Nicht-Regierungs-Organisationen sowie Public-Private-Partnerships.
So konnten die Zahl und das Personal der übers ganze Land verteilten Tageskliniken und Krankenstationen deutlich erhöht werden. Die gesundheitliche Grundversorgung und etliche Medikamente sind jetzt kostenlos – ohne Ansehen von Person und Einkommen.

Shanty Town im Zentrum von Addis Abeba

„Auch Beratung in Fragen der Familienplanung sowie sämtliche Verhütungsmittel gibt es bei uns umsonst“, bestätigt Bertukan Michael, 50, aus dem öffentlichen Gesundheitszentrum in Adama. Die Großstadt mit rund 220.000 Einwohnern liegt 90 Kilometer südöstlich von Addis Abeba. Aufgrund ihres großen ländlichen
Einzugsgebietes sieht Bertukan täglich Menschen jeglicher Herkunft und Bildung. „Ich habe 35 Jahre Erfahrung auf dem Gebiet der Gesundheitsfürsorge für Mütter und ihre Kinder“, erzählt sie stolz. „In den Neunzigern wurde Empfängnisverhütung so gut wie gar nicht praktiziert. Doch während des vergangen Jahrzehnts haben die Aufklärungsprogramme der Regierung und die Behandlung des Themas in den Massenmedien eine Veränderung bewirkt.“
Ihre persönliche Erfahrung deckt sich mit den neuesten Erhebungen der Äthiopischen Behörde für Statistik aus dem Jahr 2011. Die Hälfte aller Großstädter und ein Viertel der Landbevölkerung betreiben jetzt Geburtenkontrolle. Das heißt, die Zahl der verhütenden Frauen hat sich in der letzten Dekade vervierfacht.

Bertukan Michael, 50, Mutter-Kind-Schwester

Ein Teil von ihnen verzichtet auf die unentgeltliche Beratung und kostenlosen Kontrazeptiva der öffentlichen Gesundheitseinrichtungen. „Frauen aus der Stadt, die über ein höheres Einkommen verfügen, ziehen den Gang zur Apotheke vor, weil sie bei uns ohne Wartezeit sofort bedient werden“, freut sich Solomons Betres Kollege Nemayehu Dhabu. Er betreibt in Adama die Time Pharmacy. „Die meisten Kundinnen können erst nach der Arbeit, also nach 17.00 Uhr kommen. Da haben die öffentlichen Kliniken bereits geschlossen. Außerdem sind unsere Preise wirklich günstig: Eine Monatsration Anti-Baby-Pillen kostet 10 Birr, So viel, wie man in einem modernen Café für einen Cappuccino bezahlt. Für eine Frau aus der Mittelschicht ist das kein Problem.“

Time Pharmacy in Adama

Auch bei der Wahl der Waffen gegen eine unerwünschte Schwangerschaft spielt die Schichtzugehörigkeit eine große Rolle. „Wohlhabende, gebildete Kundinnen kaufen in der Regel Pillen. Sie sind intellektuell in der Lage, die Anwendungsvorschriften zu befolgen und diszipliniert genug, die Tabletten jeden Tag zu nehmen. Ärmere, weniger gebildete Kundinnen vergessen das recht häufig“, analysiert Solomon. Um gleich darauf verständnisvoll hinzuzufügen: „Das liegt an ihren Lebensumständen: Sie haben viele Sorgen, sie arbeiten hart, sie sind oft übermüdet und denken einfach nicht daran. Deswegen entscheiden sie sich häufiger für Drei-Monats-Injektionen.“

Solomon Betre, 56, Apotheker

Nemayehu steuert eine weitere Erkenntnis aus seinem Apothekeralltag bei: „Frauen beschäftigen sich heute sehr mit dem Problem. Männer tun das nach wie vor nicht. Nach Methoden für sich selbst“, empört sich der Endzwanziger, der fünf Jahre in einem Hospital gearbeitet hat, bevor er sein Geschäft eröffnete, „fragen sie gar nicht. Wenn sie überhaupt mitkommen, warten sie draußen. Manchmal habe ich das Gefühl, sie wissen nicht einmal, was ihre Frauen bei uns tun.“

Nemayehu Dhabu, 28, Apotheker

Doch auch diese Front scheint langsam in Bewegung zu geraten. Zumindest in der jüngeren Generation. Fikirte Disasa, heute 22, hat, wie allgemein üblich in Äthiopien, bereits als Teenager geheiratet. „Ich ging damals noch zur Schule und wusste gar nichts über Familienplanung“, erinnert sie sich. „Erst mein Mann erzählte mir davon. Er schlug vor, bis zum Ende meiner Ausbildung Verhütungsmittel zu benutzen und erst dann Kinder zu bekommen.“
Inzwischen hat Fikirte einen sechs Monate alten Sohn. „Ich will kein weiteres Kind“, erklärt sie, während sie den Kleinen glücklich auf den Knien balanciert, „denn ich habe nur ein sehr geringes Einkommen. Mein Sohn soll genug zu essen bekommen, gesund aufwachsen, zur Schule gehen und eine Ausbildung machen. Dafür muss ich sorgen.“

Fikirte Disasa, 22, Putzfrau

Genauso reflektiert steht auch Fatuma Aman zu dieser Frage. Wie Fikirte hat sich die selbstbewusste junge Frau entschieden, mittels Injektionen zu verhüten – gegen den Willen ihres Mannes. Ein ungeheures Verhalten im extrem konservativen Äthiopien. Ganz besonders auf dem Land, wo Frauen noch als Eigentum ihrer Männer gelten und überkommene Traditionen jeden Fortschritt im Keim ersticken. Stolz steht Fatuma vor ihrem Haus in einem Dorf rund 100 Kilometer von Addis entfernt. Ohne zu zögern ist sie bereit, darüber zu sprechen, dass und wie sie verhütet. Auch die schwierige Situation, in der sie sich deswegen befindet, erläutert sie ohne Umschweife: „Ich arbeite in Riad als Hausmädchen bei einer reichen Familie. Weil ich krank wurde, schickten mich meine Arbeitgeber zurück nach Hause. Ich sollte mich hier behandeln lassen und anschließend zurückkehren. Inzwischen bin ich wieder gesund, doch nun möchte mein Mann, dass ich hierbleibe, die Injektionen absetze und ihm ein Kind gebäre.“
Fatuma lehnt sich an die grob verputzte Wand ihres winzigen Wohnzimmers, legt die Hände in den Schoß. Auf dem Gesicht den Ausdruck ruhiger Selbstgewissheit, erzählt sie weiter: „Wenn ich mir unsere wirtschaftliche Situation anschaue, ist völlig klar, dass ich zum jetzigen Zeitpunkt kein Baby bekommen kann. Das wäre unverantwortlich. Ich muss erst zurück nach Riad und mehr Geld verdienen. Egal, was mein Mann sagt.“ Nach einer kurzen Pause ergänzt sie nachdrücklich: „Ich bin extrem dankbar, dass es Verhütungsmittel gibt. Sie sind ein Teil meiner persönlichen Freiheit!“ Wahrscheinlich ist Fatuma gar nicht klar, was für eine fast unglaubliche Ausnahme sie darstellt. In einem Land wie Äthiopien weisen diese Worte weit über ihr eigenes Schicksal hinaus. Hier durchbricht jemand den ewigen Kreislauf von Armut, Bildungsmangel und menschenfeindlicher Tradition und wirft ein Streiflicht auf die Zukunft einer ganzen Nation. Nicht umsonst ist Solomon Betre überzeugt: „Es muss mehr Informationsprogramme geben, mehr Gesundheitsberater, die von Tür zu Tür gehen und die Menschen beraten. Durch mehr Wissen über Geburtenkontrolle ließe sich ein Großteil der Probleme unseres Landes lösen.“

Bertukan Michael, 50, Mutter-Kind-Schwester

(Reportage, Fotos und Podcast von matias boem, 2012)