Äthiopien: Frauen und Empfängnisverhütung

„Verhütungsmittel sind ein Segen für unser Land!“ Sy Nuy Talib ist absolut überzeugt von ihren klar gesetzten Worten. Das zeigt ihr eindringlicher Blickt. Die Vierundzwanzigjährige arbeitet seit zwei Jahren als Health Extension Worker. „Ich besuche jeden Tag acht bis zehn Familien. Insgesamt gehören rund 500 Haushalte zu meinem Einzugsgebiet. Ich gehe von Haus zu Haus und biete den Menschen kostenlose Beratung in Gesundheitsfragen an. Familienplanung ist dabei ein besonders wichtiger Punkt. Oft bin ich die erste, die mit den Leuten über dieses Thema redet“, schildert sie ihre Aufgabe.
Das Health Extension Program gehört zu den wenigen Erfolgsgeschichten der äthiopischen Gesundheitspolitik. Es wurde im Jahr 2003 mit Unterstützung mehrerer Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen initiiert und 2009 erheblich ausgebaut. Über 38.000 Absolventen weiterführender Schulen, fast alle Frauen, durchliefen bisher die einjährige Ausbildung zur Gesundheitsberaterin. Nun arbeiten sie wie Sy Nuy vorzugsweise in den ländlichen Gebieten Äthiopiens, wo über 80 Prozent der Bevölkerung leben – fast immer ohne jeden Zugang zu grundlegender Gesundheitsversorgung.

Sy Nuy Talib, 24, Gesundheitsberaterin

„Ohne unsere mobilen Gesundheitsberaterinnen wüsste hier so gut wie niemand etwas über Familienplanung“, bestätigt Tefetawit Gebre Aregawi. Sie ist Health Officer in einem der vier Gesundheitszentren von Adama, einer Großstadt mit 220.000 Einwohnern, 90 Kilometer südöstlich von Addis Abeba. Die Bevölkerung ihres sehr großen ländlichen Einzugsgebietes wird in den Zentren kostenlos beraten, behandelt und mit Medikamenten versorgt. „Die Leute auf dem Land sind ausnahmslos sehr arm. Sie kämpfen täglich mit existentiellen Sorgen: Wie bekomme ich etwas zu essen? Wie bekomme ich Arbeit? Da ist das Problem der Empfängnisverhütung oft zweitrangig.“ Tefetawit ist wie Sy Nuy 24 Jahre alt, ebenso klar strukturiert in ihren Äußerungen und ebenso engagiert. „Auf dem Land“, differenziert sie die Situation weiter, „redet man ohnehin nicht über Sexualität. Weder unter Freunden, noch innerhalb der Familie. Unsere Kultur lässt das nicht zu.“
Tatsächlich befinden sich die Menschen im Klammergriff von Armut, Bildungsmangel und überlebter Tradition – wobei eines das andere bedingt. Immer wieder treffen Tefetawit und Sy Nuy Frauen, die im Alter zwischen zehn und 15 Jahren von ihren späteren Ehemännern entführt wurden. Die Männer vergewaltigten die Mädchen, bis sie schwanger waren. Dann zwangen sie ihre Opfer, die Heiratsdokumente zu unterschreiben. Manche konnten fliehen, wurden jedoch von ihren eigenen Familien zurückgeschickt. Nach dem Verlust ihrer Jungfräulichkeit waren sie wertlos.
Noch vor zehn Jahren fielen mehr als zwei Drittel aller Äthiopierinnen dieser bis heute weit verbreiteten Praxis zum Opfer. Sie verbringen ihr Leben in Gefangenschaft und Sklaverei. Ohne Hoffnung auf Befreiung, obwohl diese Verbrechen seit 2005 gesetzlich verboten sind. Doch außerhalb von Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba verfolgen Polizei und Gerichte die Taten so gut wie nie.

Tefetawit Gebre Aregawi, 24, Health Officer

„Wenn die Frauen zu mir kommen“, setzt Tefetawit ihre Schilderung fort, „berücksichtige ich immer, dass sie Angst haben, mit mir zu sprechen. Ich versuche, sie auf der menschlichen Ebene zu erreichen, nicht auf der offiziellen. Erst wenn sie sich etwas öffnen, können wir über Familienplanung sprechen.“
Die Auseinandersetzung mit dem Thema ist nicht nur nötig, weil Eltern ihre Kinder nicht ernähren, geschweige denn zur Schule schicken können. Es gibt einen weiteren Grund: Noch vor fünf Jahren wurden statistisch untermauerten Schätzungen der UN zufolge 75 Prozent aller Äthiopierinnen genital verstümmelt – meistens religiös begründet. Selbsternannte Beschneiderinnen entfernen den Mädchen irgendwann zwischen Säuglingsalter und Pubertät gewaltsam die äußeren Geschlechtsorgane. Mit Messern oder Rasierklingen, unter katastrophalen hygienischen Bedingungen. Danach vernähen sie die Wunde mit primitivsten Mitteln. Dauerhaft.
Dieser qualvolle, gefährliche und traumatisierende Eingriff führt zu einer Fülle körperlicher und seelischer Schäden. Geschlechtsverkehr verursacht starke Schmerzen. Viele Geburten finden unter Komplikationen statt, die ein tödliches Risiko für Mutter und Kind beinhalten. Und auch heute bekommt jede Frau auf dem Land im Schnitt noch mehr als fünf Kinder.

Tefetawit Gebre Aregawi, 24, Health Officer

„Den Männern ist oft nicht klar, welcher Belastung ihre Frauen ausgesetzt sind“, beschreibt Sy Nuy die Situation zurückhaltend. „Deswegen verweigern sie die Auseinandersetzung mit dem Thema oder sind von vornherein gegen Familienplanung. Außerdem hält sich hartnäckig das Gerücht, Verhütungsmittel führten zu dauerhafter Unfruchtbarkeit.“ Ein starkes Argument in einer kinderlieben Gesellschaft. Ein noch stärkeres, wenn sie zudem als lebendiger Beweis der Fruchtbarkeit von Mann und Frau, also als Statussymbol gelten.
Trotzdem zeigt Sy Nuys Einsatz inzwischen Erfolg: „Nach zwei Jahren kontinuierlicher Beratung ändern zumindest die Frauen langsam ihre Einstellung. Sie vertrauen mir und glauben, dass sie keine Angst vor Kontrazeptiva haben müssen“, freut sie sich. „Weil sie stärker von den Konsequenzen betroffen sind, entscheiden sie ohnehin meist allein, ob, wann und welches Mittel sie einsetzen.“
Tefetawit aus dem Health Center in Adama berichtet jedoch auch von Rückschlägen: „Ich habe eine Patientin“, empört sie sich, „deren Mann selbst Arzt ist, also ein gebildeter Mensch, der alle Fakten kennt. Nach einer ausführlichen Beratung entschied sie sich für ein Dreijahresimplantat. Zwei Tage später war sie wieder bei mir. Ihr Mann sei sehr religiös, lehne Familienplanung strikt ab und wolle auch nicht darüber reden. Er habe sich fürchterlich aufgeregt und sei sogar richtig aggressiv geworden. Am Ende“, schüttelt sie fassungslos den Kopf, „musste ich das Implantat wieder entfernen.“
So werden viele Frauen ungewollt schwanger. Als letzter Ausweg bleibt ihnen nur eine Abtreibung. Besonders Teenager haben oft keine andere Wahl. Sex vor der Ehe ist ihnen verboten, der Zugang zu Kontrazeptiva verwehrt. Kulturelle und religiöse Barrieren verhindern jedes Gespräch mit ihren Eltern über das Thema. Doch oft genug führt ein Schwangerschaftsabbruch in ein noch größeres Unglück.
„Ich hatte in der High School eine Freundin“, erinnert sich Tefetawit traurig, „die mit 14 Jahren schwanger wurde. Sie wollte unbedingt abtreiben, doch war das damals illegal. Also ging sie zu einer der vielen Kurpfuscherinnen – und starb an den Folgen des Eingriffs. Seit dieser Erfahrung war für mich klar, dass ich Menschen über Empfängnisverhütung informieren muss.“
Das Schicksal von Tefetawits Freundin war kein Einzelfall. Tausende von Frauen teilten es oder litten an schweren Folgen unsachgemäß durchgeführter Abtreibungen. Über 40 Prozent aller Todesfälle schwangerer Frauen, die Zugang zu einer Klinik hatten, waren damals darauf zurückzuführen. Da Todesfälle von Frauen in Regionen ohne ärztliche Versorgung nicht in die Statistik eingehen, dürfte die tatsächlich Zahl deutlich höher liegen. Erst 2002 hatte die damalige, konservative Regierung ein neues, besonders scharfes Gesetz gegen Schwangerschaftsabbrüche erlassen. Ärzte, die sie durchführten, riskierten fünf Jahre Gefängnis. Für mehrere Monate wurden sogar sämtliche Marie Stopes-Kliniken des Landes geschlossen. Die Zentren der britischen NGO bieten in über 40 Ländern die gesamte Bandbreite mit Fortpflanzung verbundener Gesundheitsversorgung an. Bis zu diesem Zeitpunkt nutzten Frauen in Not sie als heimlichen Zufluchtsort.
Die Folgen des neuen Gesetzes waren so katastrophal, dass sich die Regierung 2005 gezwungen sah, Abtreibungen unter bestimmten Umständen zu legalisieren. Trotz schärfster Proteste der Kirchen und anderer Abtreibungsgegner. Heute drängen sich jeden Morgen wieder Dutzende von Frauen auf dem Hof der in freundlichem Blau-Weiß gestrichenen Marie Stopes-Klinik in Addis Abebas Stadtteil Arada.

TSy Nuy Talib, 24, Gesundheitsberaterin

„Wir führen jeden Monat 1300 Abtreibungen durch“, erzählt Melkanu Rideper. Der fünfundzwanzigjährige Krankenpfleger kann die Zahl selbst kaum glauben. „Von einer weiteren Marie Stopes-Klinik weiß ich, dass es monatlich 1500 sind. Insgesamt gibt es in Addis fünf unserer Kliniken. In den zwei Jahren, die ich auf dem Land gearbeitet habe, waren es trotz der viel geringeren Bevölkerungsdichte monatlich ebenfalls 500 bis 600 Eingriffe.“
Tefetawit fühlt sich von den meisten Patientinnen im Amada Health Center an ihre tote Freundin erinnert. „Viele sind unter 15. Sie wurden nie aufgeklärt, auch nicht über Verhütungsmittel. Selbst wenn sie von ihrer Existenz wissen, haben sie meistens keinen Zugang dazu, weil sie zu abgelegen wohnen.“ In der Marie Stopes-Klinik in Arada sieht die Situation ähnlich aus. „Die Mädchen haben oftmals Angst, mit uns zu sprechen“, schildert Melkanu eine typische Sprechstunde. „Sie erfinden allerlei Ausreden, bis sie endlich zum Thema kommen. Die meisten weinen. Sie befinden sich seelisch und moralisch in einem tiefen Konflikt. Ihre Eltern glauben, sie seien in der Schule, doch in Wirklichkeit lassen sie eine Abtreibung vornehmen. Manche von ihnen kommen alle zwei bis drei Monate, weigern sich aber, Verhütungsmittel zu nehmen. Aufgrund religiöser Tabus oder der Angst, entdeckt zu werden.“
Sy Nuy ist Musilima, noch nicht verheiratet, benutzt deswegen selbst keine Kontrazeptiva – und hält doch die mit ihnen verbundenen Möglichkeiten für unschätzbar: „ Als ich meine Arbeit aufnahm, ging es mir zunächst nur darum, Geld zu verdienen. Die Leute begegneten mir anfangs sehr misstrauisch. Ich stieß auf viel Ablehnung. Das war anstrengend und frustrierend.
Doch mit der Zeit erzielte ich ganz konkrete Erfolge. Jetzt sehe ich, wie vielen Frauen ich tatsächlich helfe, wie ich ihr Leben verändere. Das hat dazu geführt, dass ich meinen Job jetzt wirklich liebe. Er ist extrem wichtig für unser Land.“

Melkanu Rideper, 25, Krankenpfleger

(Reportage, Fotos und Podcast von matias boem, 2012)