Kongo: Der Kampf gegen HAT

„Ich halte die Afrikanische Schlafkrankheit für extrem gefährlich, sie bedroht die menschliche Würde“, sagt Dr. Crispin Lumbala. Auf dem Schreibtisch seines schlichten Büros in Kinshasa stapeln sich Aktenordner mit Untersuchungen, Berichten, Statistiken und Analysen über seinen Intimfeind. „Sagt man jemandem, er leide an der Schlafkrankheit, betrachtet er sich selbst als einen Menschen, der keinen Wert mehr für die Gemeinschaft hat. Er ist stigmatisiert, die anderen Mitglieder der Gemeinschaft halten ihn für anormal.“
Hinter sich das Bild von Staatschef Joseph Kabila, vor sich sein Notebook, von dem er nur selten ein Auge lässt, am Ohr ständig ein Mobil- oder Festnetz-Telefon, so leitet der ruhig und strukturiert wirkende Arzt und Seuchenexperte das „Programm zur Bekämpfung der Humanen Afrikanischen Trypanosomiasis der Demokratischen Republik Kongo“.

Dr. Crispin Lumbala, Arzt, Seuchenexperte und Leiter des Programms zur Bekämpfung der Humanen Afrikanischen Trypanosomiasis der Demokratischen Republik Kongo.


Es ist erstaunlich, wie stark Lumbala den psychischen und gesellschaftlichen Aspekt der Krankheit in den Vordergrund stellt. Dr. Nathalie Strub, Medizinische Leiterin der Drugs for Neglected Diseases Initiative (DNDi) in Genf, die nach neuen Medikamenten gegen die Krankheit forscht, erklärt zum Beispiel deutlich nüchterner: „Die Humane Afrikanische Trypanosomiasis, abgekürzt HAT, ist eine tödliche Krankheit, die hauptsächlich in Zentral-Afrika auftritt und meistens sehr arme Menschen befällt, die in weit abgelegenen Gebieten leben.“

Dr. Nathalie Strub, medizinische Leiterin der Nongovernmental Organization (NGO) Drugs for Neglected Diseases initiative (DNDi), die nach neuen Medikamenten gegen vernachlässigte tropische Krankheiten forscht


Prof. Philippe Büscher, Leiter des Instituts für Tropenmedizin in Antwerpen, wo an neuen, einfacheren Tests zur Diagnose von HAT gearbeitet wird, präzisiert: „HAT ist eine Infektionskrankheit, die von Protozoen, also Einzellern verursacht wird, die in Geweben leben. Man findet sie nicht nur in Menschen, sondern auch in Säugetieren, aber natürlich auch in Tsetsefliegen, wo sie als Parasiten leben. Die Tsetsefliege ist eine blutsaugende Fliege, die über ihren Stich den Menschen mit Trypanosomiasis infizieren kann. Da die Tsetsefliege nur in Afrika lebt, ist die Krankheit auf Afrika beschränkt.“
Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge bedroht HAT 57 Millionen Bewohner des tropischen Gürtels dieses Kontinents, 36 Millionen davon allein im Kongo.
„Die Gefahr besteht darin“, erläutert Dr. Lumbala, „in Kontakt mit einer infizierten Tsetsefliege zu kommen. Der Ort, an dem man lebt, jeder Weg, den man zurücklegen muss, um zum Beispiel zur Arbeit zu kommen, ist potentiell gefährlich, wenn dort infizierte Tsetsefliegen anzutreffen sind.“

Prof. Philippe Büscher vom Tropeninstitut Antwerpen in Belgien, wo nach neuen Behandlungsmethoden gegen die Afrikanische Schlafkrankheit geforscht wird


Fatal, dass Mensch und Fliege dieselben Bedürfnisse und Vorlieben teilen: Wasser und Schatten. Beide leben bevorzugt an Flussläufen mit dichter Vegetation. Dort, wo die Menschen durch Bäume vor direktem Sonnenlicht geschützt ihre Hütten aufstellen, kochen, arbeiten oder spielen, wo sie in Wassernähe ihre Felder bewirtschaften, am Ufer fischen, Wäsche waschen oder im Kongo auch Diamanten suchen, legt die Tsetsefliege ihre Larven in den Boden und lauert tagsüber auf Nahrung: Blut.
Riecht die Fliege ein Opfer oder entdeckt es mit ihren Facettenaugen, fliegt sie es gezielt an, bohrt mit schmerzhaftem Stich ihren Rüssel durch seine Haut und saugt Blut und Lymphflüssigkeit aus der Wunde. Hat sie vorher einen mit HAT infizierten Menschen gestochen, befinden sich Trypanosomen in ihrem Speichel, die Erreger der Schlafkrankheit, die nun auf ihr Opfer übertragen werden.
2013 geschah dies im Kongo mindestens 5627 Mal. So viele Patienten wurden dort mit HAT diagnostiziert. In den anderen 23 betroffenen afrikanischen Staaten lag die Zahl der Kranken fast immer unter 100. Die Dunkelziffer unentdeckter und unbehandelter Fälle wird auf das Dreifache geschätzt. Der Kongo ist mit rund 80 Prozent aller Infektionen das am stärksten betroffene Land.

Bewohner von Mushie am Ufer des Kasai-Flusses, das gleichermaßen der Lebensraum von Mensch wie Tsetsefliege ist und damit stets die Gefahr birgt, mit der Schlafkrankheit infiziert zu werden.


Trotzdem sind dies im historischen Vergleich ermutigende Zahlen. An der Schwelle zum 20. Jahrhundert forderte die Schlafkrankheit in Äquatorial-Afrika noch rund 800.000 Opfer. Durch jahrzehntelange flächendeckende Untersuchungen und Behandlung sowie intensive Bekämpfung der Tsetsefliegen drängten die Kolonialmächte die Krankheit zurück. Bis 1960 war sie mit nur 4000 berichteten Fällen fast eliminiert.
Peter Holmes, Professor an der Universität von Glasgow und Vorsitzender der STAG, der Strategic Technical Advisory Group der WHO für den Umgang mit den sogenannten Neglected Tropical Diseases (NTD), den vernachlässigten tropischen Krankheiten: „Unglücklicherweise wurde die Krankheit danach vernachlässigt und die Zahl der Fälle stieg, verschlimmert durch Volksaufstände, Kriege und mangelnde Versorgung der Kranken in manchen Gegenden erneut bis zu epidemischer Größe an.“
1995, so schätzte die WHO, gab es wieder 300.000 Fälle. In einer umfassenden Kampagne koordinierte sie alle internationalen Partner, um politische Entscheidungen herbeizuführen und finanzielle Ressourcen aus dem privaten und öffentlichen Sektor zu mobilisieren. Das Ergebnis waren größere technische und logistische Hilfe, bessere Verfügbarkeit der Medikamente und der Behandlung sowie stärkere Unterstützung der Entwicklung neuer diagnostischer Methoden und Wirkstoffe.

HAT-Patienten im Krankenhaus von Bandundu Ville bei der Einnahme von Lampit, einem Bestandteil von NECT, der Eflohrnithin-Nifurtimox-Kombinationstherapie.


2009 erfolgte der Durchbruch bei der Entwicklung von NECT, der Nifurtimox-Eflornithine Combination Therapy, einer wirkungsvolleren, leichter zu verabreichenden und mit weniger Nebenwirkungen behaftete Therapie für das zweite, schwerere Stadium der Krankheit. Durch diese Anstrengungen sanken die Patientenzahlen bis 2012 wieder auf 7106 Fälle, was zu einem kühnen Plan führte:
Am 30. Januar 2012 unterzeichneten Vertreter der WHO, der Weltbank, der Bill & Melinda Gates Foundation, der 13 größten Pharmazeutischen Unternehmen wie Bayer, Repräsentanten von Regierungsorganisationen wie USAID und Nichtregierungsorganisationen wie DNDi sowie etlicher Regierungen die „London Declaration on Neglected Tropical Diseases“. Ihr Ziel: Bis zum Jahr 2020 sollen zehn vernachlässigte tropische Krankheiten gänzlich eliminiert oder zumindest unter Kontrolle gebracht werden, darunter auch HAT. Im Fokus aller Aktivitäten aufgrund ihrer vielen Kranken – die Demokratische Republik Kongo.

Der Apotheker des Krankenhauses in Mushie mit Lampit, des von Bayer für den Einsatz in der Kombinationstherapie NECT gespendeten Medikamentes mit dem Wirkstoff Nifurtimox


Dr. Lumbala ist als Koordinator des Nationalen kongolesischen Programms zur Bekämpfung der Schlafkrankheit für die gesamte Logistik in allen Provinzen des Landes verantwortlich. Zudem aktualisiert er, orientiert an neuen Erkenntnissen der Forschung, ständig das Regelwerk für den Kampf gegen die Krankheit und überwacht dessen Einhaltung. Schließlich wirbt er um Geld, Sachmittel oder logistische Unterstützung. Er bekommt sie von Partnern wie der WHO. Über deren Verteiler laufen zum Beispiel die von Bayer und Sanofi kostenlos für den Einsatz der NECT zur Verfügung gestellten Medikamente mit den Wirkstoffen Nifurtimox und Eflornithin. Außerdem die von beiden Firmen für mobile Interventionsteams bereitgestellten Gelder sowie das Reagenz für den Nachweis des Erregers im Blut der Patienten. Physisch geliefert werden die Medikamente durch die Médecins Sans Frontières (MSF), die in rund 70 Ländern Soforthilfe für Opfer von bewaffneten Konflikten, Epidemien und Naturkatastrophen leisten.
Auch ins Feld geht Lumbala noch selbst, denn: „Manchmal kann man die Bedürfnisse im Feld aus dem Büro heraus nicht wirklich beurteilen. Zum Beispiel kommt es vor, dass die Leute dort nicht bezahlt werden. Patienten mit der Schlafkrankheit, die in ein Krankenhaus eingeliefert werden, bekommen kein Bett. Es gibt kein Wasser, keine sanitären Einrichtungen. Doch von hier aus kann man das nicht wissen. Man muss ins Feld, um das herauszufinden.“
Ins Feld bedeutet: Raus aus der Neuneinhalb-Millionen-Metropole Kinshasa, die von der Schlafkrankheit so gut wie gar nicht betroffen ist, hinein ins dünn besiedelte Hinterland des fast zweieinhalb Millionen Quadratkilometer großen Landes. Dies ist schon allein aufgrund der schlechten Infrastruktur ein aufwändiges Unterfangen. Bis zu acht Stunden fährt man mit dem Jeep Richtung Nordosten ins 200 Kilometer Luftlinie von Kinshasa entfernte Bandundu Ville. Die schachbrettartig angelegte Hauptstadt der am stärksten von HAT betroffenen Provinz Bandundu ist nur über eine unbefestigte Piste zu erreichen. Das 3000 Kilometer umfassende Straßennetz der DR Kongo ist eines der dünnsten der ganzen Welt. Zum Vergleich: Durch Deutschland, von der Fläche her nur ein knappes Siebtel des Kongo, verlaufen über 230.000 Kilometer asphaltierte Straßen, also rund 77 Mal so viel.

Dr. Crispin Lumbala im Feld in dem kleinen Dorf Ngantoko, wo er das Screening der Bevölkerung durch ein mobiles Interventionsteam überwacht.


13 Mobile Einsatzteams des Programms zur Bekämpfung der Schlafkrankheit besuchen in regelmäßigen Abständen alle Dörfer der Provinz und untersuchen systematisch die gesamte Bevölkerung. Sie sind eine immens wichtige Ergänzung der lose über das Land verteilten Krankenstationen.
„HAT tritt in zwei Stadien auf“, erklärt Crispin Lumbala. „Insbesondere zu Beginn des ersten Stadiums gibt es keinerlei spezifische Symptome. Ein Patient kann sechs Monate, ja sogar ein oder zwei Jahre völlig ohne Symptome bleiben. Manchmal leiden die Patienten nur an Fieber und Kopfschmerzen.“
So wird in den Krankenstationen, deren Personal meistens nicht für die Diagnose und Behandlung von HAT ausgebildet ist, oft fälschlicherweise Malaria oder eine andere tropische Krankheit diagnostiziert.
„Der Kranke bekommt ein ungeeignetes Medikament“, fährt Lumbala fort, „das unter Umständen zunächst sogar zu einer Besserung führt, sodass sich Arzt und Patient bestätigt fühlen. Doch etwas später leidet der Kranke erneut an Fieber und denkt, er sei nicht richtig auskuriert.“
Während dieser Phase kann der HAT-Patient nicht nur die Krankheit über die Tsetsefliege auf andere Menschen übertragen, sondern auch in ihre zweite Phase übergehen, in der die Trypanosomen das zentrale Nervensystem angreifen.
Nathalie Strub, DNDi: „Die typischen Symptome sind dann Schläfrigkeit am Tage, Unruhe in der Nacht und schließlich Koma und Tod. Zudem werden die Patienten sehr verwirrt, manchmal wahnhaft, sie haben ausgeprägte psychiatrische Symptome, die andere Menschen ängstigen, und werden deshalb stark stigmatisiert.“

Sylvain Baloji Kanga, nationaler Supervisor der Forschungsabteilung des Programms zur Bekämpfung der Humanen Afrikanischen Trypanosomiasis der Demokratischen Republik Kongo mit einer Schautafel zur Bekämpfung der Tsetsefliege.


„Selbst bei korrekter Behandlung besteht nun die Gefahr bleibender Schäden!“, betont Crispin Lumbala, den dieser Aspekt der Krankheit besonders bedrückt, „Also ist es wichtig, den Patienten aktiv zu suchen und ihn bereits im frühen Stadium zu finden, in dem er noch keine spezifischen Symptome zeigt. Zu diesem Zweck besuchen die mobilen Teams Dorf für Dorf und screenen alle Menschen. Sowohl solche, die sich schlecht fühlen, als auch solche, die gar nichts fühlen und nicht krank erscheinen.“
Auf seinem Weg ins Feld wird Dr. Lumbala von Sylvain Baloji Kanga begleitet, dem nationalen Supervisor der Forschungsabteilung des Programms. „Wir analysieren, wie erfolgreich das Programm ist und suchen nach Ansätzen, unsere Strategie zu verbessern“, schildert der 43-jährige Wissenschaftler seine Arbeit. „Im Feld untersuchen wir, ob die Protokolle eingehalten, ob die Techniken korrekt angewendet und ob die Strategien im Kampf gegen die Krankheit umgesetzt werden.“

Sylvain Baloji, Supervisor der Forschungsabteilung des kongolesischen Programms zur Bekämpfung der Schlafkrankheit, klärt Kinder in Kutumpay über die Gefahren und Vermeidung der Krankheit auf.


In Bandundu Ville treffen sich die beiden mit ihrem Kollegen Dr. Florent Mbo, der die Aktivitäten des Programms in der Provinz Bandundu koordiniert. „Jedes unserer Teams überprüft jährlich eine bestimmte Anzahl endemischer Dörfer“, erläutert der 46-jährige. „Im vergangenen Jahr waren es etwa 500. Doch im Vergleich zu der Zahl der mobilen Teams ist der Anteil der gefährdeten Bevölkerung sehr hoch. Wir können nur 20 Prozent der Menschen screenen und bräuchten erheblich mehr Personal.“
Wäre dies gegeben, so seine Hoffnung, könnten alle Vorteile der frühen Diagnose auf medizinischer, individueller und gesellschaftlicher Ebene voll zum Tragen kommen: „Ein früh diagnostizierter Patient wird ohne Folgeerscheinungen der Krankheit wieder gesund, während sich Patienten, die zur Untersuchung in ein Gesundheitszentrum kommen, oft bereits im fortgeschrittenen Stadium der Krankheit befinden, trotz der Behandlung noch lange unter Folgeerscheinungen leiden und so zu einer Belastung für die Gemeinschaft werden.“

Dr. Florent Mbo, Koordinator des Programms zur Bekämpfung der Humanen Afrikanischen Trypanosomiasis der Demokratischen Republik Kongo in der Provinz Bandundu vor einem der wenigen, bereits altersschwachen Jeeps des Programms


Lumbala, Baloji und Mbo sind auf dem Weg nach Mushie, das man von Bandundu Ville am besten auf dem Wasserweg erreicht. Circa 15.000 Kilometer des Kongos und seiner Nebenflüsse sind schiffbar. Das gilt auch für Kwilu, Kwango und Kasai, über die man Richtung Nordwesten in rund drei Stunden die 60 Kilometer nach Mushie zurücklegt. Anfang September, zum Ende der Trockenzeit, führen die Flüsse wenig Wasser. Zahlreiche Inseln teilen die kilometerbreiten Ströme in mehrere Arme. Immer wieder umschifft der Käpt’n des schmalen, langen Motorboots dicht unter der Wasseroberfläche liegende Sandbänke oder unterbricht die Fahrt, um die Schiffsschraube von Wasserpflanzen zu befreien.
Obwohl dies die Hauptverkehrswege des Landes sind, herrscht hier überraschend wenig Betrieb. Kaum ein Frachter durchbricht den flachen Horizont, der den spiegelnden Strom vom gleißend hellen Himmel trennt. Nur selten kämpft sich ein hoffnungslos überladenes Boot voll winkender Passagiere durch die braunen Fluten. Schon eher kreuzen Paddler in ihren Einbäumen stehend von Ufer zu Ufer, wo alle paar Kilometer ein paar Hütten aus Palmwedeln stehen und Fischer bis zu den Hüften im Wasser watend ihre Netze auswerfen – genau im Jagdrevier der Tsetsefliege.

Bewohnerin von Mushie auf dem Weg zur öffentlichen Wasserstelle, um Geschirr abzuwaschen, potentiell ein gefährlicher Gang durch das Lebensgebiet der Tsetsefliege, die den Erreger der Schlafkrankheit überträgt


Auf diese Weise erwischte es auch Nsole Bompina, 37, zurzeit der einzige HAT-Patient in Mushie. Die 33.000 Einwohner des kleinen Städtchens genießen gleich zwei Privilegien: Einen chinesischen Laden, in dem es von der Plastikblume und dem Reisekoffer über die Stereoanlage bis hin zum Solar-Panel alles gibt, wovon man sich hier kaum vorstellen kann, wer es kaufen sollte. Und ein noch während ihrer Kolonialherrschaft von den Belgiern gebautes Hospital, das für hiesige Verhältnisse einen extrem aufgeräumten Eindruck macht. Auf gefegten Höfen aus sorgfältig planiertem Lehm hängt frisch gewaschene Wäsche von Patienten und ihren Angehörigen, die vor zartgrün gestrichenen Krankensälen sitzend die Zeit verstreichen lassen. Unter ihnen der Fischer Nsole, 37, sein Bruder Lokua, 52, ebenfalls Fischer, und ihre Schwester Isumu, 56, die als Farmerin ihren Lebensunterhalt verdient. Nsole ist stark von der Krankheit gezeichnet, kann nicht alleine stehen oder gehen und nur mit Mühe sprechen. Seine Geschwister waschen und füttern ihn täglich, so dass insgesamt drei Verdiener der Familie ausfallen.

Angehörige von Patienten des Krankenhauses in Mushie vor einem Krankensaal, wo sie die Tage verbringen, wenn sie sich nicht um ihre Verwandten kümmern, Essen für sie kochen und ihre Wäsche waschen


„Wenn der Patient seine Diagnose bekommt, ist er meistens bereits in einem Stadium, in dem er nicht mehr arbeiten und sich weder um sich selbst, noch um seine Familie kümmern kann“, schildert Crispin Lumbala die prekäre Situation der Kranken. „Aus diesem Grund werden die Menschen normalerweise kostenlos behandelt. Doch wenn sie in einem Krankenhaus liegen, dass nicht ausschließlich auf Patienten mit der Afrikanischen Schlafkrankheit spezialisiert ist und am Programm gegen die Krankheit teilnimmt, müssen sie für ihren Aufenthalt zahlen. Deswegen verzögern manche Patienten ihre Behandlung oder nehmen die Nachuntersuchungen nicht wahr, weil sie die Kosten nicht aufbringen können oder sich um ihre Familie kümmern müssen. So kann es passieren, dass wir Patienten verlieren und sie an der Krankheit sterben.“
Nsole hat also Glück, dass seine Familie ihn trotz der harten Konsequenzen so vorbildlich unterstützt. Sein Bruder paddelte ihn sogar in einem 14-stündigen Kraftakt mit seinem Einbaum nach Mushie. „Als ich zu ihm kam, konnte er weder schlafen, noch sprechen, noch essen“, erzählt Lokua eindringlich. „Seine Haut schuppte und er verhielt sich seiner Frau gegenüber völlig cholerisch. Aber dort, wo wir leben, kennen die Leute diese Symptome. Wenn jemand andere grundlos schlägt, dazu Fieber und Kopfschmerzen wie bei Malaria hat, wissen sie: Dieser Mann leidet an der Schlafkrankheit.“

Nsole Bompina (Mitte), an HAT erkrankter Fischer, mit seiner Schwester Isumu und seinem Bruder Lokua, der ihn in einer vierzehnstündigen Einbaumfahrt ins Krankenhaus brachte.


Dr. Guylain Mandula, der Leiter des Hospitals und behandelnde Arzt bestätigt das. „Die Kranken leiden an unterschiedlichen Verhaltensauffälligkeiten. Liegen Anzeichen für eine Depression vor, kommen die Menschen gleich zu uns, denn in dieser Gegend fürchten sie schnell, der Patient sei verhext, ein Fetisch sei im Spiel oder er habe bestimmte Sitten und Gebräuche missachtet.
Manche, die etwas über die Schlafkrankheit wissen, bringen die Kranken zu uns, wenn sie verändertes Verhalten bemerken, wenn jemand auffällig viel redet, nicht weiß, was er tut, unruhig und ohne Grund ständig das Haus verlässt oder immer wieder aufschreit. Wenn sie wissen, sie leben in einem endemischen Gebiet, kommen sie für eine Untersuchung in die Klinik.“
Das ist einerseits ein erfreulicher Beweis für die Wirksamkeit der Aufklärung durch die mobilen Einsatzteams, andererseits durchaus keine Selbstverständlichkeit.
Prof. Holmes von der STAG der WHO: „Menschen die in Armut und ohne Bildung leben, begegnen der Einmischung durch Außenstehende und ihnen unbekannten Behandlungsmethoden sehr misstrauisch. Klinische Teams werden oft beschuldigt, die Krankheit überhaupt erst in ein Dorf zu tragen, anstatt die Menschen zu untersuchen und ein Problem zu lösen, das diese bereits vorher hatten.“

Dr. Guylain Mandula, der Leiter des Hospitals in Mushie vertritt die Ansicht, die Krankheit sei langfristig nicht zu besiegen


„Oft weigern sich die Menschen auch, an den Untersuchungen der mobilen Einsatzteams teilzunehmen“, ergänzt Crispin Lumbala, „weil sie Angst vor der Diagnose haben und vor der Tatsache, dass die gesamte Gemeinschaft von ihrer Krankheit erfährt.“
„Das bedeutet“, folgert Professor François Chappuis, medizinischer Berater der Schweizer Sektion der Médecins Sans Frontières, die den Osten des Kongos mit eigenen mobilen Teams screent, „ dass unsere Kommunikation sehr gut funktionieren muss, dass wir mit den Führern und Repräsentanten der Gemeinden arbeiten und akzeptieren müssen, dass die Schlafkrankheit bei ihnen nicht die höchste Priorität genießt.“
Trotzdem herrscht beim Screening in Ngantoko Hochbetrieb, als Crispin Lumbala, Sylvain Baloji und Florent Mbo am nächsten Tag dort eintreffen. Das kleine Dorf, rund 80 km nordöstlich von Mushie, ist nur per Boot über den Fimi zu erreichen. Hier herrscht noch weniger Verkehr auf dem Fluss. Die endlose Savanne rechts und links der flachen Uferböschung scheint noch dünner besiedelt.

Mobiles Interventionsteam bei der Arbeit in Kutumpay, wo, wie in der ganzen Demokratischen Republik Kongo, die Bevölkerung aktiv auf die Schlafkrankheit getestet wird.


Kaum läuft das Boot den Landeplatz an, werden die Besucher von einer Schar fröhlich herumtollender Kinder begrüßt. Frauen in geschürzten Röcken waschen Wäsche im flachen Wasser des Ufers. Fischer bieten ihre Ware an, frisch gefangen oder getrocknet und gesalzen. Auf mannshohen Holzgestellen gleißt schneeweißer, geschälter Maniok im Sonnenlicht. Bunte Tücher trocknen zwischen mit Palmwedeln gedeckten Hütten, die unverputzt, aber akkurat gemauert sind. Auf dem Weg durchs Dorf, auf dessen zentralem Platz das mobile Einsatzteam beschaulich an Holztischen unter großen, schattenspendenden Bäumen vor seinem Equipment sitzt, schwellen Gefolge und Lautstärkepegel kontinuierlich an. Letzterer nur übertroffen von den Durchsagen eines gemessenen Schrittes einherschreitenden Ausrufers mit Megaphon.
Dr. Lumbala erläutert seine Funktion: „Schon bevor das mobile Team das Dorf erreicht, informiert der für die Sensibilisierung der Bevölkerung zuständige Mitarbeiter dessen Bewohner über sein Kommen und fordert sie auf, an dem Screening teilzunehmen.“

Ausrufer des mobilen Einsatzteams in Ngantoko, der bereits einige Tage vor den Tests die Bevölkerung über die bevorstehenden Untersuchungen informiert hat.


Diese Maßnahme wird auch am Tag des Screenings bis zum Nachmittag fortgesetzt. Sie dient nicht nur der Verbreitung der Nachricht, sondern soll auch helfen, ökonomische, psychische und kulturelle Widerstände der Bevölkerung zu überwinden. Professor Chappuis von MSF: „Die Menschen, die wir untersuchen, haben so viele andere lebenswichtige Prioritäten, dass einen Tag nicht zur Arbeit zu gehen eine wirkliche Investition ist. Sie leben von Tag zu Tag. Viele haben auch Angst vor den Tests.“
Sylvain Baloji Kanga nennt weitere Gründe, warum manche Leute den Untersuchungen fernbleiben: „Oft werden Krankheiten in Afrika als Fluch, Verwünschung oder Sünde gesehen. Krank zu sein ist die Bestrafung. Deswegen liegt die Beteiligung der Bevölkerung nicht bei 100 Prozent. Diejenigen, die an ihre Traditionen glauben, bleiben zu Hause. Nur diejenigen, die nicht mehr glauben, kommen zu den Pflegern, um sich untersuchen zu lassen.“

Der medizinische Leiter des mobilen Einsatzteams in Ngantoko mit einer Patientin, deren erster HAT-Bluttest positiv war, bei der mikroskopischen Untersuchung von Lymphflüssigkeit.


In Ngantoko ist die Beteiligung rege. Nur hin und wieder zögert jemand in letzter Sekunde und entscheidet sich nach längerer, teils hitziger Diskussion mit dem Sekretär des Teams schließlich gegen eine Untersuchung. Alle Willigen aber nennen ihren Namen sowie ihr Geburtsdatum und werden von ihm mit einem kleinen Laufzettel zur zweiten Station des Screenings geschickt.

Bewohner des Dorfes Ngantoko melden sich beim Sekretär des mobilen Einsatzteams, um sich für die HAT-Untersuchung anzumelden, ihre Daten zu hinterlassen und anschließend zur Blutabnahme zu gehen


Hier nimmt ihnen ein Laborant – argwöhnisch beäugt von allen Umstehenden – mit routiniertem Stich in die Fingerkuppe Blut ab, das er in ein Kapillarröhrchen saugt. Die Röhrchen landen in einem Halter auf dem Tisch des medizinischen Teamleiters. Der nimmt den CATT vor, den Card Agglutination Test for Trypanosomiasis. Mithilfe dieses serologischen Tests wird ermittelt, ob jemand in Kontakt mit Trypanosomen gekommen ist und Antikörper entwickelt hat. Ein Tropfen einer Suspension von gereinigten, fixierten und gefärbten Trypanosomen und ein Tropfen des frischen Blutes werden auf einer Testkarte miteinander vermischt und in einen Rotator gelegt. Befinden sich Antikörper gegen Trypanosomiasis im Blut der untersuchten Person, sieht man nach einer Weile die Agglutination, die Verklumpung der Zellen. Der Test ist positiv, die Person jedoch noch nicht als HAT-Patient bestätigt.

Ein Bewohner des Dorfes Ngantoko bei der Blutabnahme, die nach der Registrierung der zweite Schritt des Screenings der Bevölkerung auf HAT durch ein mobiles Einsatzteam ist


Das Ergebnis wird auf dem Laufzettel des Patienten vermerkt, der sich damit zurück zum Sekretär begibt. Dieser übernimmt alle Daten fein säuberlich per Hand ins Protokoll und entlässt Patienten mit negativem Testergebnis zurück nach Hause. Ist der Test hingegen positiv, schickt er den Patienten mit einem entsprechenden Vermerk auf seinem Laufzettel zur dritten Station des Teams.
Dort untersucht ein Krankenpfleger zunächst mit kundigen Griffen, ob die Lymphknoten im Halsbereich des Patienten vergrößert sind. Ist dies der Fall, wird Lymphflüssigkeit entnommen und von einem Labortechniker mikroskopisch auf Trypanosomen untersucht. Sind weder die Lymphknoten vergrößert, noch Erreger in der Lymphflüssigkeit zu finden, entnimmt der Pfleger erneut Blut, diesmal venös, und der Laborant sucht dort nach Trypanosomen. Sind keine Trypanosomen im Blut, doch gibt es andere Anzeichen für eine Infektion, wird noch an Ort und Stelle eine Lumbalpunktion durchgeführt, um sicher zu klären, ob Trypanosomen in der Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit sind.
Erst wenn einer dieser Tests zweifelsfrei positiv ausfällt, was vom medizinischen Leiter des Teams kontrolliert und ausdrücklich bestätigt werden muss, wird die untersuchte Person als Patient eingestuft, der an HAT leidet und behandelt werden muss.
Gerade die oft äußerst unangenehme Lumbalpunktion, bei der eine bis zu 15 Zentimeter lange Nadel durch die Zwischenräume der Lendenwirbel in den Rückenmarkskanal eingeführt wird, provoziert bei den Patienten häufig heftigen Widerstand.

Die Durchführung des CATT, Card Agglutination Tests for Trypasonomiasis, während des Screenings in Ngantoko, mit dem zunächst festgestellt wird, ob ein Mensch Kontakt mit den Erregern der Krankheit hatte.


„Wenn die Krankheit festgestellt wurde, ist es nicht leicht, den Kranken zu überzeugen, eine Lumbalpunktion vornehmen zu lassen“, schildert Alexandre Mbukatoto seine Erfahrungen. Er ist der medizinische Leiter des mobilen Einsatzteams, das Lumbala, Baloji und Mbo am nächsten Tag in Kutumpay besuchen, 120 Kilometer Luftlinie südlich von Bandundu Ville. „Die Kranken akzeptieren die Lumbalpunktion leicht, wenn sie vorher viel gelitten haben. Doch nach der Behandlung lehnen sie fast systematisch die nach sechs Monaten erneut nötige Punktion ab.“
Umso ermutigender ist der Durchbruch des Forschungsteams von DNDi auf der Suche nach einem neuen Medikament gegen HAT, das momentan an Patienten getestet wird. Im Gegensatz zur Kombinationstherapie NECT, bei der einmal täglich Eflornithin als Infusion und mehrmals täglich Nifurtimox in Form von Tabletten verabreicht werden, müssten die Kranken nur noch einmal täglich eine Tablette einnehmen.

Bewohner des Dorfes Ngantoko bei der dritten Station des mobilen Einsatzteams, wo die Lymphflüssigkeit, venöses Blut und – falls notwendig – die Rückenmarksflüssigkeit auf Erreger der Afrikanischen Schlafkrankheit getestet werden


Zusätzlich zu diesen Erleichterungen bei der Verabreichung hat das neue Medikament einen schönen Nebeneffekt. Nathalie Strub von DNDi: „Unsere Behandlung wäre sehr effektiv bei schwer kranken Patienten im zweiten Stadium, würde aber gleichzeitig von Patienten im ersten Stadium gut toleriert. Aus diesem Grunde ist keine Lumbalpunktion nötig, um herauszufinden, welche Behandlung wir anwenden müssen.“
Ob ein Patient zweifelsfrei genesen ist, ließe sich jedoch nach wie vor nur durch eine Rückenmarkspunktion klären. Die mobilen Einsatzteams müssten also weiter mit Widerstand ihrer Patienten rechnen. In Kutumpay tritt genau dieser Fall ein – allerdings aus anderen, unerwarteten Gründen:

Die Bäuerin Lola Ngafutu mit zweien ihrer sechs Kinder,die wegen der Abwesenheit ihres Mannes eine Lumbalpunktion verweigert hat, mit der ihre Genesung bestätigt werden sollte.


Sylvain Baloji unterrichtet gerade eine Gruppe Kinder im Schatten eines Baumes anhand alter Schautafeln über die Gefahren der Trypanosomiasis. Während er Blatt um Blatt laut die Symptome der Krankheit vorträgt, die alle Kinder brav im Chor wiederholen, stockt einen Baum weiter plötzlich das Untersuchungsprozedere. Eine Frau mit zwei Kindern, eines auf dem Arm, eines an der Hand, schüttelt energisch den Kopf und debattiert mit den Krankenpflegern. Später erzählt sie, sie heiße Lola Ngafutu, sei 39 Jahre alt, habe sechs Kinder und sei Bäuerin: „Vor zwei Jahren hatte ich die Schlafkrankheit. Heute bin ich hier, weil das mobile Einsatzteam eine Nachuntersuchung durchführen muss. Doch ich kann das nicht zulassen, weil mein Mann nicht hier ist. Er wollte eigentlich nachkommen und muss wissen, was mit mir geschieht. Ohne seine Erlaubnis, kann ich das nicht tun.“
Alexandre Mbukatoto zuckt nur mit den Achseln. Er weiß, dass er solche ungeschriebenen Gesetze akzeptieren muss, auch wenn sie aus medizinischer Sicht unsinnig und für die Patientin gefährlich sind. „Man kann sie nicht dazu zwingen“, lautet sein resignierter Kommentar, „sie hat das Recht, über ihren Körper zu verfügen.“
Die Chancen, dass Lola tatsächlich geheilt ist, sind in diesem Fall allerdings groß, denn das Kleinkind auf ihrem Arm wurde nach ihrer Behandlung geboren und ist gesund. Neben dem Stich durch die Tsetsefliege, Bluttransfusionen und extrem seltenen Übertragungen durch Geschlechtsverkehr, ist die Infektion des ungeborenen Kindes durch die kranke Mutter die einzige Art, wie man die Schlafkrankheit bekommen kann.

Alexandre Mbukatoto, Leiter des mobilen Einsatzteams in Kutumpay, der fest überzeugt ist, dass die Afrikanische Schlafkrankheit ohne die mobilen Einsatzteams nicht wirkungsvoll zu bekämpfen ist.