Südafrika: Tuberkulose

„Behandelt zu werden, ist ein großes Geschenk“, versichert Sindiswei Xhamori mit ernstem Blick aus traurigen Augen. Ein Mundschutz dämpft die Worte der siebenundzwanzigjährigen Tuberkulose-Patientin. Nicht sie soll er schützen, sondern alle, die mit ihr zu tun haben. Sindiswei überträgt einen besonders gefährlichen MDR-Tuberkulose-Erreger. Er ist resistent gegen zwei der vier wichtigsten Antibiotika, die gemeinsam im Kampf gegen die Krankheit eingesetzt werden. Je nach verfügbarer Behandlung sterben bis zu 80 Prozent seiner Opfer.
„Als bei mir Tuberkulose diagnostiziert wurde, dachte ich, ich sei verflucht“, erinnert sich Sindiswei niedergeschlagen. „Ich wusste nicht, dass man die Krankheit schon durch Sprechen, Niesen oder Husten weiterverbreiten kann. Seit mir das klar ist, fühle ich mich schuldig. Ich sitze ich hier und überlege: Wie viele Menschen habe ich wohl angesteckt?“
Um die Gefahr zu verringern, die von ihr ausgeht, ist Sindiswei interniert. Hinter verschlossenen Türen, Gittern und Stacheldraht im Brooklyn Chest Hospital in Kapstadt, wo sie rund um die Uhr von speziell geschultem medizinischem Personal betreut wird. Die Angst steht ihr ins Gesicht geschrieben, sie wirkt einsam und verloren. Wieder und wieder krümmt sich ihr Körper unter schmerzhaften Hustenanfällen. „Immerhin“, freut sie sich verhalten, „spucke ich kein Blut mehr.“
So absurd es klingt: Sindiswei hat Glück. Manche ihrer Mitpatienten leiden nicht an Multi-Drug-Resistant-, abgekürzt MDR-, sondern an XDR-Tuberkulose. Die Erreger der Extensively- Drug-Resistant Tuberculosis, also umfassend medikamentenresistenten Tuberkulose, widerstehen weiteren der bewährten Arzneimittel. Sie sind noch schwerer zu bekämpfen, die Chancen sie zu überleben noch geringer.

Sindiswei Xhamori, 27, arbeitslos, MDR-Tuberkulose-Patientin

„Eigentlich dachte man seit den Siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts, die Tuberkulose sei besiegt“, schildert Professor Andreas Diacon von der Universität Stellenbosch in Kapstadt eines der großen Missverständnisse der Medizingeschichte. „Nachdem in den Fünfzigern die ersten Medikamente und in den Sechzigern eine Standardbehandlung entwickelt worden waren, schien es nur noch eine Frage der Zeit, bis der letzte Tuberkulosepatient geheilt und die Krankheit ein Fall für die Geschichtsbücher wäre.“
Diese Annahme war falsch. Tatsächlich ist heute ein Drittel der Weltbevölkerung latent mit Tuberkulose infiziert. Jede Sekunde steckt sich ein Mensch neu an. Geschieht dies durch resistente Bakterien, sinken seine Chancen auf Heilung dramatisch.
„Unterbrochene oder falsche Anwendung der Medikamente, mangelnde Verfügbarkeit in den Entwicklungsländern, unterschiedliche Wirkungsgrade in unterschiedlichen Organismen – all das hat dazu geführt, dass die Krankheit nie ganz verschwand und immer wieder Resistenzen gegenüber bewährten Medikamenten entstanden“, erklärt Diacon. „Untersuchungen der WHO zufolge wurde 2011 erstmals mehr Geld für die Behandlung resistenter, als normaler Patienten ausgegeben. Wir brauchen dringend neue Medikamente.“
Folgerichtig gründete der agile schweizerische Spezialist für Lungenheilkunde 2005 Task Applied Science. Die Firma führt Studien zur Erforschung neuer Tuberkulose-Therapien durch. In Südafrika ist sie perfekt stationiert. Das Land hat eine der höchsten Tuberkulose-Infektionsraten – und die höchste AIDSQuote der Welt. Diese Gleichzeitigkeit ist kein Zufall. 2009 starb weltweit ein Viertel aller HIV-positiven Patienten an Tuberkulose. Im selben Jahr lebte fast ein Fünftel der Erwachsenen Südafrikas mit HIV und AIDS. In Verbindung mit den klassischen Risikofaktoren Armut, Unterernährung und extrem beengten Lebensumständen entstand der perfekte Nährboden für ein Comeback der besiegt geglaubten Seuche. Aktuelle Erhebungen des südafrikanischen Bundesamtes für Statistik belegen: Tuberkulose ist die Haupttodesursache des Landes.

Prof. Andreas Diacon, Universität Stellenbosch u. Task Applied Science

„Als ich erfuhr, dass ich Tuberkulose habe, musste ich sofort an meine Kinder denken“, erinnert sich Alando Adams bedrückt. Der Mittzwanziger ist Vater eines zweijährigen Sohnes, seine Frau erneut hochschwanger. “Es ist nicht schön für mich, zu sterben und sie zurückzulassen.“ Er schüttelt sich bei dem Gedanken, dass ihm die Rasta-Locken ins Gesicht fallen. „Ich wusste, ich musste mich testen und behandeln lassen, egal, was die Leute sagen.“
Meistens sagen sie nichts Gutes. Die Verbindung zwischen HIV und Tuberkulose ist kein Geheimnis mehr. Wer beim TB-Test gesehen wird, gilt schnell als AIDS-krank und wird, wie in Südafrika weit verbreitet, sofort stigmatisiert. Nachbarn, Freunde, oft sogar die eigene Familie wenden sich gnadenlos ab. So erleiden viele Kranke vor dem körperlichen schon den sozialen Tod. Eine Aussicht, die sie vom Gang zum Arzt abhält.

Alando Adams, 25, arbeitslos, TB-Patient

„Ich habe mich geschämt, als ich hörte, dass ich TB habe“, gesteht Gabiba Daniels denn auch. „Und ich musste weinen, weil ich Angst hatte, zu sterben. Ich möchte meine Enkelkinder aufwachsen sehen.“ Die Vierzigjährige gehört wie Alando zu den 25 Prozent Arbeitslosen Südafrikas. Seit Jahren wünscht sie sich einen Job als Büglerin, weil sie den Duft frisch gewaschener Wäsche liebt, die beruhigende Ordnung frisch gefalteter Kleidungsstücke.
Ihre Wirklichkeit sieht anders aus: Gabiba wohnt in Blikkiesdorp, Afrikaans für ,Blechdosendorf‘. Das Elendsviertel ist ein städtisches Umsiedlungscamp für die ärmsten der Armen. Es liegt in Delft, der einzigen Township Kapstadts, in der Blacks und Coloured zusammen leben. Letztere sind Nachfahren einheimischer Schwarzer, farbiger Einwanderer und weißer Buren. Sie stehen auf der untersten Stufe der sozialen Leiter. Entsprechend groß sind das Elend, die Spannungen und die Kriminalität in Delft.
Doch Blikkiesdorp ist der Beweis, dass auch katastrophale Zustände noch verschlimmert werden können: 1700 Wellblechhütten auf engstem Raum. Absurd ordentlich in Reih und Glied aufgestellt. Vier Wände, ein Dach, keine Fenster. 18 Quadratmeter, im Sommer brütend heiß, im Winter bitterkalt. Bis zu zehn Bewohner, oftmals aus unterschiedlichen Familien, teilen sich eine der Blechdosen. Nur getrennt durch einen Vorhang. 14.000 Menschen, Blacks, Coloured, Flüchtlinge aus Nachbarstaaten, manche schon seit 30 Jahren auf der Liste für ein staatlich gefördertes Haus.

Gabiba Daniels, 40, arbeitslos, TB-Patientin

„Blikkiesdorp ist die Wartehalle für ein besseres Leben“, fasst Taharqa Elnur das Elend zusammen. Dann gesteht er, peinlich berührt vom eigenen Zynismus: „Wir nennen es nur die ,TBFarm‘. An keinem anderen Ort in Kapstadt vermehrt sich die Tuberkulose so stark wie hier.“
Der Endzwanziger ist Community Engagement Coordinator bei Professor Diacons Task Applied Science. Er rekrutiert Studienteilnehmer, überwacht in Zusammenarbeit mit Gemeindehelfern ihre Aufklärung und Betreuung. Täglich pendelt er in nur 15 Minuten vom reichen, weißen ins arme schwarze Cape Town, von der „ersten in die dritte Welt“, wie er sagt – und leidet unter seinen Erlebnissen.
„Weil die Hütten in Blikkiesdorp keine Fenster haben, werden sie niemals gelüftet“, berichtet Taharqa. „Weil sie keinen Strom haben, heizen die Leute, indem sie Wasser kochen. Das erhöht die Luftfeuchtigkeit auch im Winter extrem. Beides zusammen schafft optimale Bedingungen für die Vermehrung von Bakterien. Die hohe Dichte an Bewohnern sowie ihr schlechter körperliche Zustand sorgen schließlich für höchstmögliche Ansteckungsraten“, vervollständigt er zornig die fatale Verkettung von Umständen. Sie sorgen dafür, dass die meisten seiner Rekruten aus Blikkiesdorp kommen.
Ihre Erstdiagnose erhalten sie in der Regel in der staatlichen Tagesklinik von Delft. Auf deren Gelände stehen drei unscheinbare Stahlcontainer, in denen ein Team aus Ärzten und Krankenschwestern von Task Applied Science arbeitet. Wer sich in der Klinik auf Tuberkulose testen lässt, wird gleich in die Container weiterempfohlen. Weitere potentielle Studienteilnehmer finden Task-Mitarbeiter in Zusammenarbeit mit dem National Health Laboratory Service, der alle neuen TB-Fälle Kapstadts erfasst.
„Wir besuchen die Patienten, erklären ihnen, was während der Studien passiert, informieren sie über die Risiken, aber auch über die Chance, dazu beizutragen, dass es eines Tages ein neues TB-Medikament gibt. Wir interviewen sie zu Alter, Gesundheitszustand, Drogenkonsum, möglichen Schwangerschaften und checken ihre Blutwerte“, schildert Taharqa das weitere Vorgehen des Teams. „Wenn sie alle Voraussetzungen erfüllen, lassen wir sie eine Einverständniserklärung unterschreiben und nehmen sie in unser Programm auf.“

Taharqa Elnour, 27, Community Engagement Coordinator

Weil Professor Diacon die Befürchtungen kennt, weltweit agierende Pharma-Konzerne könnten unterprivilegierte Minderheiten aus Entwicklungsländern als Versuchskaninchen nutzen, versichert er ungefragt: „Alle Studien unterliegen extrem strengen Schutzmechanismen. Unsere Versuche werden von mehreren staatlichen Kontrollorganen und ethischen Komitees abgesegnet. Die Sicherheit der Patienten hat immer oberste Priorität.“
Allerdings sind diese weitgehend ungebildet. Nicht alle vermitteln den Eindruck, sie verstünden die mit einer Studie verbundenen Risiken. Grundsätzlich aber, vermutet der Task-Chef, seien „die teilnehmenden Patienten glücklich, weil sie einen viel besseren Zugang zu Medikamenten, Pflegepersonal und anderen medizinischen Leistungen bekommen, als ihnen das staatliche System gewähren kann.“

Prof. Andreas Diacon, Universität Stellenbosch u. Task Applied Science

Gabiba, die trotz Aufklärung über die Ansteckungsrisiken ohne Mundschutz im Kreise ihrer ebenfalls ungeschützten Kinder und Enkel sitzt, untermauert seine Aussage: „Die Leute im Container sind Spitze. Sie behandeln mich freundlich und respektvoll, als wären wir eine Familie. Und anders als in der Klinik muss ich bei ihnen nicht stundenlang warten.“
Wie alle Teilnehmer aus Delft und Blikkiesdorp geht sie täglich zum Container, um ihre Medikamente einzunehmen. Zusätzlich erhält sie zur Verbesserung ihres körperlichen Gesamtzustandes eine eigens zusammengestellte Mahlzeit. Beides erfolgt unter Aufsicht und wird vom Pflegepersonal schriftlich quittiert. Kann sie nicht kommen, erhält sie Besuch von einer Gemeindehelferin, die dafür sorgt und ebenfalls schriftlich bestätigt, dass sie alle vorgeschriebenen Maßnahmen wirklich durchführt. Nur so kann im Rahmen einer Studie die Wirksamkeit eines Medikaments überprüft werden.

Gabiba Daniels, 40, arbeitslos, TB-Patientin

Weil diese Kontrolle unter normalen Bedingungen fehlt, scheitern viele Therapien und begünstigen Resistenzen. Im Brooklyn Chest Hospital schwört Sindiswei allerdings, ihr Bestes zu geben, genau das zu vermeiden: „Ich werde in den nächsten zwei Jahren jeden Tag meine Tabletten nehmen, denn ich spüre ihre Wirkung in meinem Körper.“ Dann legt sie all ihre Hoffnung in einen Stoßseufzer: „Und wenn ich durchhalte, werde ich wieder gesund!“

Sindiswei Xhamori, 27, arbeitslos, MDR-Tuberkulose-Patientin

(Reportage, Fotos und Podcast von matias boem, 2012)